Bauernhof als Schule fürs Immunsystem?

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Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, leiden seltener an Allergie und Asthma. Die Gründe dahinter untersucht derzeit eine europaweite Studie, für Österreich nimmt Innsbruck teil.

Übertriebene Hygiene könnte krank machen, „klinische“ Sauberkeit lässt unser Immunsystem in gewisser Weise „verkümmern“. Diese These hat eine aktuelle Studie neuerdings bestätigt: Den Untersuchungen zufolge leiden Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, wesentlich seltener an Asthma und Allergien als Mädchen und Buben, die kaum oder nicht mit Ställen, Tieren, Heu und Mist in Berührung kommen.

„Wir wissen noch nicht 100-prozentig, warum das so ist, das soll in einer derzeit laufenden, zweiten Studienphase geklärt werden“, erwähnt Elisabeth Horak, Ärztin an der Kinderpneumologie/Allergologie des Departments für Kinder- und Jugendheilkunde der Medizinischen Universität Innsbruck sowie Projektleiterin der „Gabriel-Studie“ für Österreich.

Wesentlich mehr Allergien

Die Gabriel-Studie im Stenogramm-Stil: EU-gefördertes, europaweites Projekt; wird in Deutschland, der Schweiz, Polen und Österreich durchgeführt; Studienregion für Österreich ist Tirol, Studienzentrale das Department für Kinder- und Jugendheilkunde der medizinischen Universität Innsbruck; in Phase eins wurden in Tirol 27.300 Kinder und deren Eltern über Fragebögen erfasst.

„Ziel ist es, die Ursachen von Asthma und Allergie bei Kindern zu erforschen, die Krankheitsauslöser besser zu verstehen“, schildert Horak. Das sei umso dringlicher, als allergische Erkrankungen im Kindesalter deutlich zugenommen hätten. „Mit ein Grund dafür“, meint Horak, „ist wahrscheinlich mangelnde Stimulanz des Immunsystems durch unseren veränderten Lebensstil, der unter anderem übertriebene Hygiene mit sich brachte.“

Bauernhof-Effekt auf der Spur

Denn wenn ein Kind in einer nahezu keimfreien Umgebung aufwachse, hätte das Immunsystem wenig Chancen zu lernen, „es muss aber quasi in die Schule gehen, um zu erkennen, was gefährlich ist und was nicht. Und wenn alles rundherum extrem sauber ist, kann es das nicht.“

Detaillierter: Jeder Mensch hat zwei Immunschienen, das TH1- und das TH2-System. Horak: „Wenn die beiden in Balance stehen, ist alles in Ordnung. Wenn das TH1-System aber durch mangelnde Stimulanz unterfordert wird, entsteht ein Ungleichgewicht, und das bedeutet Allergie statt Immunität.“

Erste Ergebnisse der Studie bekräftigen das: „In Tirol zeigt sich folgendes Bild: Elf Prozent der Nicht-Bauernkinder leiden an Asthmabeschwerden, aber nur sechs Prozent der Bauernkinder“, berichtet Horak. Somit sei der sogenannte „Bauernhof-Effekt“ vorangegangener Studien einmal mehr untermauert worden.

Was genau der „Bauernhof-Effekt“ ist und welche Faktoren für die positive Entwicklung des kindlichen Immunsystems verantwortlich sind, soll die zweite Studienphase ans Tageslicht bringen. „Wahrscheinlich üben mikrobielle Substanzen, also Bestandteile oder Stoffwechselprodukte von Bakterien und Pilzen, einen schützenden Effekt aus.“ Dass derlei Substanzen auf Bauernhöfen gehäuft vorkommen, ist bewiesen. Jetzt geht es darum herauszufinden, ob der Verursacher des positiven Bauernhof-Effekts vor allem in Schimmelpilz- oder in Bakterien-Bestandteilen zu suchen, ob er in erster Linie im Stall, im Heu oder bei den Tieren zu finden ist.

„Fest steht heute schon“, so Horak, „dass das Immunsystem schon in frühen Jahren durch entsprechende Stimulation in die richtige Richtung dirigiert werden muss, sonst ist es zu spät.“ Wo das Zeitfenster für diese wichtige Immunstimulanz liegt, ist noch nicht ganz klar. „Das wichtigste Lebensjahr ist jedenfalls das erste.“

2100 Kinder werden an Phase zwei teilnehmen, und zwar in drei Gruppen: Kinder, die zwar am Land leben, aber nichts mit einem Bauernhof zu tun haben; Kinder, deren Freunde auf einem Bauernhof leben und die solchermaßen bei Besuchen immer wieder damit in Berührung kommen; Bauernhof-Kinder. Das Studien-Design: detaillierte Fragebögen, Blutabnahmen bei den Kindern, Staubprobensammlungen aus den Haushalten, vereinzelt Nasenabstriche und Milchproben.

Ein bisschen Schmutz darf sein

Die Ergebnisse der laufenden Studie könnten dann nicht nur zur Entwicklung wirksamer Methoden zur Vorbeugung führen, sondern auch zur Entwicklung neuer Therapien. „Schmutzimpfung“ ist da ein Wort, das immer wieder in Insider-Kreisen kursiert.

Eines jedoch ist heute schon gewiss: Der genetische Hintergrund darf keinesfalls außer Acht gelassen werden, sind doch Kinder von allergiebelasteten Eltern wesentlich gefährdeter. Und auf dieses genetische Grundrisiko propft sich dann ein „untrainiertes“ Immunsystem als Resultat mangelnder Stimulation infolge nahezu klinischer Sauberkeit darauf. Ein bisschen Schmutz darf also sein.

http://www.ispm-unibasel.ch/gabriel/gabriel_ziele.php

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