Kinder können nerven. Keiner weiß das besser als Eltern, auch wenn es manchmal schwerfällt, darüber zu sprechen. Ganz stressfrei geht es in keiner Familie zu. Manchmal aber erreicht die Überforderung die Schmerzgrenze. Und dann kann es für alle Beteiligten gefährlich werden. «Eltern-Burnout» wird das Phänomen genannt, wenn Mütter oder Väter so überanstrengt sind, dass sie nicht mehr weiter wissen.
Hohe Erwartungen an sich selber
Bei Familienstress kommt vieles zusammen, objektive Faktoren und subjektive Wahrnehmung: «Eltern sehen ihre Rolle heute ganz anders als früher», sagt Bettina Mähler aus Gelnhausen bei Frankfurt/Main. «Früher sind Kinder einfach mitgelaufen, und man hat sich nicht so viele Gedanken gemacht», erzählt die Lehrerin, die lange Elternkurse gegeben hat. «Heute ist Elternsein mit großen Erwartungen befrachtet, es gibt einen enormen Perfektionsdruck.» Und wenn die Erwartungen der Wirklichkeit nicht standhalten, entsteht Stress.
Realität des Familienalltags
Denn oft ist die Realität grauer als das farbenfrohe Bild, das vom Familiendasein in der Öffentlichkeit gemalt wird: «Da sind immer alle ausgeschlafen und gut gelaunt, die Wohnung ist sauber und aufgeräumt», sagt Mähler. Umso größer ist der Kontrast beim Blick ins reale Kinderzimmer. Viele Kinder seien außerdem schwieriger als früher. «Und sie treten ihren Eltern gegenüber anders auf.» Die probaten Erziehungsmittel in der Generation der Großeltern - drohen und im Zweifelsfall zuschlagen - kommen nicht mehr in Frage. «Das macht das Erziehen anstrengender. Diskutieren ist eben mühsamer als Druck machen», betont die Autorin, die einen Ratgeber über «Eltern-Burnout» geschrieben hat.
Stress bis an die Belastungsgrenzen
Ein buchstäblicher Burnout, bei dem ein Elternteil psychisch und physisch zusammenbricht, sei zwar selten, sagt Mähler. Stress bis an die Belastungsgrenzen gebe es aber in vielen Familien. «Je nach Alter des Kindes gibt es unterschiedliche Stressoren», ergänzt Julia Scharnhorst vom Vorstand des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) in Berlin. Junge Eltern mit kleinen Kindern seien oft gestresst, wenn sie nachts wenig Schlaf bekommen und das Baby auch tagsüber viel schreit. «Vor allem beim ersten Kind gibt es oft diese Angst "Das Kind hat etwas, und ich kann nichts tun."»
Schlafentzug und Geschrei
Eltern haben dann keine ruhige Minute mehr: «Schon das Stillen ist nachts kein Spaß, die Kinder zu füttern auch nicht immer. Dann kommen die Zähne, später die Kinderkrankheiten», sagt Mähler. Für Eltern heißt das oft genug Schlafentzug. Und das sind nur die alltäglichen Probleme: «Frühgeburten sind heute häufiger», sagt Andreas Engel, Leiter einer Erziehungsberatungsstelle in Hof. «Aber auch Ernährungsstörungen bei Kindern haben zugenommen.» Und Schreikinder sind häufiger als früher ein Problem: «Ein Kind, das den ganzen Tag nicht ruhig ist, kann Eltern an die Grenzen bringen.»
Eltern als Einzelkämpfer
Anders als im Mehrgenerationenhaushalt früherer Zeiten sei oft niemand da, den man bei Problemen fragen kann oder der bei der Betreuung der Kinder einspringt, sagt Julia Scharnhorst: «Weder Eltern noch Geschwister oder Tanten und Onkel.»
Warnsignale vor der Katastrophe
Es gibt Warnsignale, die auf eine Überforderung hindeuten: «Dazu gehört, wenn Eltern eine ständige Rastlosigkeit empfinden und das Gefühl haben, nur noch von Termin zu Termin zu hetzen», sagt Ulrich Gerth, Vorsitzender der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung in Fürth. «Oder wenn sie das Gefühl haben, sich dauernd anzustrengen, aber es reicht immer nicht.» Irgendwann fangen sie an, sich wie ein Automat vorzukommen, der rund um die Uhr funktionieren muss. Ein Warnhinweis ist auch, wenn ein Elternteil beginnt, gleichgültig zu werden, sagt Julia Scharnhorst: «Wenn ein Kind vor Hunger schreit und die Mutter darauf nicht reagiert, ist der Punkt erreicht, an dem man hellhörig werden muss.»
Den Teufelskreis durchbrechen
Auch klassische Signale für Stress- und Problemsituationen wie depressive Verstimmungen oder verstärkter Alkohol- und Zigarettenkonsum sollten beachtet werden. Wer solche Tendenzen bemerkt, muss gegensteuern. Entscheidend sei, den Teufelskreis zu unterbrechen, nach dem Stress zu Überforderung und Überforderung zu noch mehr Stress führt, sagt Julia Scharnhorst. Schon die Pause, die eine Kur bietet, könne eine Hilfe sein. «Eltern müssen sich Entlastung suchen, Möglichkeiten, die Kinder zumindest zeitweise von anderen betreuen zu lassen», rät die Psychotherapeutin.
Pause vom Kind - für Eltern überlebensnotwendig
Raus aus der Dauerbelastung ist auch die Empfehlung von Bettina Mähler: «Eltern müssen regelmäßig etwas ohne Kinder machen.» Sinnvoll sei, sich wenigstens einen Termin pro Woche freizuhalten und sich einen ruhigen Abend zu gönnen. Viele Eltern trauten sich das nicht - aus schlechtem Gewissen. «Und es ist objektiv oft schwierig.» Wichtig, gerade für junge Familien, seien die Kontakte zu anderen Eltern und zu den Nachbarn. Denn wer Stress hat und niemanden, der einem hilft oder zuhört, hat es doppelt schwer, sagt Mähler: «Wer den ganzen Tag immer nur mit dem Kind zusammen ist, empfindet das wie Isolationsfolter.»
Auch ältere Kinder können nerven
Nicht nur Babys können ihre Eltern stressen. Selbst wenn das nächtliche Schreien ein Ende hat, wird es nicht automatisch ruhiger. «Die Kindergarten-Phase wird oft auch anstrengend», sagt die Psychotherapeutin Julia Scharnhorst. «Eltern müssen dann lernen, loszulassen.» Gleichzeitig falle es vielen schwer, mit dem eigenen Erwartungsdruck klarzukommen, wenn das Kind sich zum ersten Mal in einer Gruppe von Gleichaltrigen bewähren muss. «Das Kind soll immer höflich, freundlich, wohlgelaunt und gesund sein.» Und noch einmal stressig wird es, wenn die Kinder in die Pubertät kommen - und die direkten Auseinandersetzungen zwischen ihnen und den Eltern zunehmen.




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