Geburtenrückgang 2009

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Zu früh gefreut: Noch im Februar hatte Familienministerin Ursula von der Leyen einen positiven Trend zu mehr Kindern verkündet, doch die nun veröffentlichten Zahlen des Statistischen Bundesamts sprechen eine andere Sprache. Die Ministerin zeigte sich überrascht.

Nach einem leichten Anstieg der Geburtenzahl in Deutschland im Jahr 2007 sind im vergangenen Jahr doch wieder etwas weniger Babys zur Welt gekommen. Die Zahl der lebend geborenen Kinder ging 2008 nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden im Vergleich zum Vorjahr um 1,1 Prozent zurück. Mit rund 675.000 Babys wurden rund 8000 weniger geboren als 2007.

Gleichzeitig starben 20.000 Menschen mehr als 2007, sodass sich das Verhältnis von Geburten- und Todeszahlen verschlechterte. Das vorläufige Jahresergebnis zu den Geburtenzahlen liegt unterhalb der Schätzung von etwa 680.000 bis 690.000 Geburten, die die Behörde Anfang des Jahres veröffentlicht hatte. Die Prognose sei auf Grundlage der bis dahin verfügbaren Angaben erfolgt, erklärte das Bundesamt. Grund für die nun niedrigere Geburtenzahl sei die jetzt erkennbare schwächere Geburtenentwicklung in den letzten Monaten des Jahres 2008. Die Zahlen können sich noch geringfügig ändern, da im vorläufigen Ergebnis noch nicht alle Meldungen

Noch Mitte Februar hatte Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen verkündet, der positive Trend zu mehr Kindern habe sich 2008 fortgesetzt und hatte dies auch ihrer Familienpolitik zugeschrieben. Dabei hatte sie sich allerdings nur auf Zahlen für die Monate Januar bis September gestützt. Kurz danach hatte das Statistische Bundesamt mitgeteilt, dass im Oktober 2008 die Geburtenzahl deutlich eingebrochen sei. Dieser Trend setzte sich fort, sodass nach den vorläufigen Ergebnissen die Geburtenentwicklung im vergangenen Jahr insgesamt rückläufig war.

Nun zeigte sich die CDU-Politikerin überrascht von den neuen zahlen. "Den ungewöhnlichen Einbruch der Geburtenzahlen im letzten Quartal 2008 hat niemand vorausgesehen. Der Anstieg 2007 bis September 2008 und der anschließende Rückgang zeigen, was der Mut zu Kindern für ein zartes Pflänzchen ist." Junge Familien bräuchten gezielte Hilfen wie das Elterngeld, verständnisvolle Arbeitgeber und eine gute Kinderbetreuung, so die Familienministerin: "Hier müssen wir einfach noch besser werden."

AP


Geburtenrückgang - Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Hat das Elterngeld sein Ziel verfehlt?

Der Bundesgeschäftsführer des Deutschen Familienverbandes, Siegfried Stresing, glaubt vor allem an einen psychologischen Effekt des Elterngeldes. So würden gleichzeitig die Krippen ausgebaut. „Das hat jungen Leuten signalisiert, dass der Staat sich kümmert”, so Stresing.

Woran liegt es denn dann, dass die Deutschen weniger Kinder bekommen?

Das ist wissenschaftlich kaum zu erklären. Nach Ansicht von Professor Gerhard Bäcker vom Institut für Soziologie der Universität Duisburg-Essen sind die Zahlen nicht auf einzelne politische Entscheidungen zurückzuführen. Siegfried Stresing ergänzt: „Dafür ist der Zeitraum zu kurzfristig.” Man müsse ganze Altersgruppen über einen längeren Zeitraum beobachten, um verlässliche Informationen zu bekommen. „Effektive Familienpolitik ist nicht an Quartalszahlen festzumachen.”

Ist ein Auf und Ab der Statistik also normal?

Leichte Schwankungen sind natürlich und von vielen Faktoren abhängig. „Beispielsweise können geburtenstarke Jahrgänge ja später auch mehr Kinder produzieren als geburtenschwache”, sagt Stresing. Den Anstieg, den Familienministerin Ursula von der Leyen im vergangenen Jahr ihrer Politik anrechnete, bewertet der Zukunftsexperte Daniel Dettling anders als die Familienministerin: „Der Anstieg war absolut marginal. Nach der Philosophie von Frau von der Leyen hätte er drastischer ausfallen müssen.”

Wie sind die aktuellen Zahlen einzuordnen?

Die Geburtenrate in Deutschland ist seit den 70er Jahren konstant gering. Seitdem bekommen Frauen durchschnittlich 1,3 bis 1,5 Kinder. „Die aktuellen Zahlen reihen sich also in diesen Trend ein”, sagt Bäcker. Siegfried Stresing vom Deutschen Familienverband formuliert es so: „Das wirklich Dramatische ist die Tatsache, dass die Zahlen seit Jahren weit unter dem liegen, was sozusagen unseren Bestand erhalten würde.”

Welche Auswirkungen hat der Geburtenrückgang?

Weil die Lebenserwartung steigt und gleichzeitig immer weniger Kinder auf die Welt kommen, wird die deutsche Gesellschaft immer älter. „Das wird sich auf alle gesellschaftlichen Systeme auswirken”, sagt Professor Bäcker. Städte müssten etwa den Nahverkehr ausbauen, mehr seniorengerechte Wohnungen bauen, die Wirtschaft auch verstärkt auf ältere Arbeitnehmer setzen, die Rentenversicherung umgestaltet werden. Doch „die Politik kann sich darauf einstellen”, so Bäcker. Stresing ist weniger optimistisch: „Wenn kein Nachwuchs kommt, dann gibt es auch irgendwann niemanden, der in die Sozialkassen zahlt und den Staat aufrecht erhält.”

Aber hat die Politik denn Einfluss auf die Entwicklung?

Weniger als die Wirtschaft. „Qualifizierte Leute sollen in ihrem Job sein und nicht Zuhause”, so Stresing. „Das gibt die Wirtschaft vor und die Politik entspricht dem.” Schließlich sei die geförderte Zeit für Eltern auf maximal 14 Monate zusammengeschrumpft. „Aber die Arbeitgeber müssen auch mehr für Eltern tun”, zum Beispiel gehe das mit flexibleren Teilzeit-Angeboten.

Werden die Deutschen angesichts der Wirtschaftskrise noch weniger Kinder bekommen?

Darüber streiten sich die Forscher. Einige gehen davon aus, dass unsichere Zukunftsaussichten die Entscheidung für Kinder erschwert. „Das war etwa in der ehemaligen DDR zu beobachten, dort sind die Geburtenzahlen nach der Wende eklatant eingebrochen”, sagt der Essener Soziologe. Davon seien wir heute aber weit entfernt. Andere Studien besagen, dass gerade in unsicheren Zeiten die Familie wieder in den Mittelpunkt rückt.

Sharon Beatty und Maike Braun

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