Der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Michael Winterhoff, hat vor einer Macht-Umkehr zwischen Eltern und Kindern gewarnt. Dinge zu erklären, könnte ein Anleiten und Führen nicht ersetzen. Eltern als Freunde machten Kinder zu Tyrannen. Winterhoff ist Autor des Buches "Warum unsere Kinder Tyrannen werden - Oder: Die Abschaffung der Kindheit".
Christoph Heinemann: Von Kindern, die in den Brunnen gefallen sind, von Eltern, die sich bei ihrem Nachwuchs lieb Kind machen wollen, von einer Pädagogik, die das Kind mit dem Bade ausschüttet, handelt unser nächstes Gespräch. Dr. Michael Winterhoff ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie, praktiziert in Bonn und sucht in einem Buch Antwort auf die Frage: "Warum unsere Kinder Tyrannen werden". Er warnt vor Eltern und Erziehern, die Kinder zu Partnern aufwerten, die sie aufgrund ihres Entwicklungsstandes nicht sein können.
Heinemann: Guten Morgen, Herr Winterhoff!
Michael Winterhoff: Guten Tag, Herr Heinemann!
Heinemann: Woran erkennt man tyrannische Kinder?
Winterhoff: Wenn man gesunde Messlatten nimmt, würde ein dreijähriges Kind sich schon auf die Eltern einstellen. Ein fünfjähriges Kind würde jeden Auftrag gerne und gleich für die Mutter erledigen. Der Fünfjährige deckt den Tisch für die Mutter.
Wir haben jetzt immer mehr mit Kindern zu tun, die dieses nicht leisten, sondern die sich eben verweigern - auch noch im Alter von fünf, sieben, acht oder zehn Jahren. Wir haben immer mehr Kinder, die verweigern, sich anzuziehen, auszuziehen, den Tisch zu decken oder auch Hausaufgaben zu machen.
Heinemann: Aber Trotz gehört doch zur Kindheit?
Ja, Trotz gehört schon in ein Alter hinein, aber eher zwei bis drei Jahre, aber nicht mehr im Alter von sieben. Wie gesagt: das Kind würde ja für die Mutter über die Beziehung alles tun "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" - Versagen immer mehr Eltern bei der Erziehung?.
Warum werden Kinder zu Tyrannen?
Das Problem, das wir in Deutschland haben, ist, dass immer mehr Kinder psychisch nicht mehr reifen können. Die Fehler liegen auf der Erwachsenenseite. Das heißt, immer mehr Erwachsene sehen in Kindern Partner. Es gibt auch immer mehr Erwachsene, die wollen von Kindern geliebt werden. Es kommt dadurch zu einer Macht-Umkehr und das Kind hat keine Chance auf Entwicklung.
Inwiefern?
Wir müssen über Psyche reden. Das heißt vom Grundsatz her haben Sie und ich die gleich aufgebaute Psyche. Wir sind ja auch zu vergleichbaren Leistungen in der Lage. So können wir arbeiten gehen, Beziehungen leben, Gefühle einschätzen und steuern, Gefühle anderer einschätzen und steuern. Diese Psyche, die wir jetzt brauchen, um so leben zu können, muss aufgebaut werden. Das heißt, sie wird nicht vererbt und sie kommt auch nicht automatisch. Die Psyche sitzt im Gehirn, besteht also aus Nervenzellen. Diese Nerven müssen trainiert werden.
Gehen wir in einen anderen Bereich: Lesen und Schreiben. Ich brauche dasselbe A an der Tafel wie im Heft und schreibe A, A, A. Dann wird aus einem Zufallsprinzip heraus eine Nervenzelle sich bereiterklären, für das A zuständig zu sein. Die müssen sie jetzt drei bis fünf Jahre trainieren, bis sie in der Lage ist, automatisch in jeder Handschrift ein A zu erkennen. Das heißt psychische Funktionen wie Frustrationstoleranz, die Fähigkeit, Frustrationen auszuhalten, eine Gewissensinstanz, soziale Fähigkeiten, die müssen eintrainiert werden. Das ist auf der partnerschaftlichen Ebene nicht möglich. Es herrscht heute die Vorstellung vor, dass man über Reden und Begreiflichmachen erziehen könnte.
Gehen wir in einen anderen Bereich. Es ist letztendlich egal, ob die Nervenzelle in der Psyche sitzt oder im Bewegungsbereich. Es ist die gleiche. Sagen wir mal Sie wollen Tennis erlernen. Dazu werden Sie zirka zehn Jahre brauchen. Ein Trainer, der Sie als Schüler sieht, der Sie coached, falsche Beinhaltung, falsche Armhaltung, der Ihnen viele Übungen auferlegt, wo Sie sich fragen -Was hat das mit Tennis zu tun? Übertragen wir die Verhältnisse von heute auf Tennis, wäre das ein Trainer, der würde Ihnen erklären, wie man Tennis spielt. Er spielt Ihnen ein paar Mal vor und erwartet dann, dass Sie Tennisspielen können. Und wenn Sie dann den Ball nicht übers Netz schlagen, ist er enttäuscht oder sagt, Sie taugen nichts. So geht man heute in vielen Bereichen mit Kindern um und wundert sich dann, dass diese psychischen Funktionen sich nicht bilden.
Das heißt, es geht, wenn Sie Kinder haben, gar nicht um die Frage, Regeln einzubauen, dass diese Kinder sagen wir mal hören und funktionieren. Sie wollen Psyche aufbauen, und das ist ein vollkommen anderer Prozess. Der kann überhaupt nicht gehen über Ratio.
Was ist die Alternative zum Partnerschaftlichen?
Dass man ein Kind als Kind sieht. Das heißt, ein Tennistrainer: der kann ja 30 Jahre jünger sein als ich. Der kann sich auch mit mir duzen. Aber auf dem Tennisplatz bin ich eindeutig sein Schüler. Das heißt, er sieht mich als Anfänger und wird eben entsprechend mich führen, mich lenken, mich spiegeln. Wenn Sie ein Kind als Kind sehen, werden Sie selbstverständlich zwölf Jahre leisten, bis das Kind duschen kann. Sie müssen ja sehen: Wir duschen automatisch. Wenn Sie mich fragen: Haben Sie sich die Schulter gewaschen?, kann ich Ihnen beruhigender Weise sagen: Ja! Aber ich bin während des Duschens in Gedanken. Das heißt, eine Mutter, die das Kind als Kind sieht, wird es fünf Jahre baden. Zwischen fünf und sieben wird sie Anleitung geben, daneben stehen, und zwischen sieben und zwölf kommt sie immer wieder dazu: Du hast noch Shampoo im Haar! Du musst die Füße waschen! Komm wir schneiden die Fußnägel! Eine Mutter, die das Kind als Partner sieht, wird erklären. Der Fünfjährige wird sagen: Mama, ich kann schon duschen! Er wird auch sehr gut duschen, weil er ja der Mama beweisen will, dass er duschen kann. Aber in Wirklichkeit kann er nicht duschen und die Mama schickt ab dann den Partner nur noch zum Duschen. Ergebnis ist: Ich untersuche sehr viele Kinder heute aus besten Elternhäusern, die letztendlich nicht wirklich geduscht sind.
Das heißt, Autorität gehört zur Erziehung?
Nein, es gehört ein Gefälle dazu. Das ist ein natürliches Gefälle. Ein Kind ist ein Kind und ein Erwachsener ist ein Erwachsener. Es geht nicht darum, dass ich autoritär bin - da wird es auch in Deutschland schnell vertauscht -, sondern ich bin automatisch über dem Kind stehend und ich habe ja eine Rolle. Ich habe die Rolle als Vater, als Mutter, als Lehrer, als Erzieher. Das ist eine Rolle, und die kann ich nur einnehmen auch in dem Gefälle.
Wie erklären Sie es sich, dass Eltern Partner ihrer Kinder sein wollen oder in den Kindern Partner sehen?
Wir haben ja eine Gesellschaft, in der fehlt Orientierung, Anerkennung, Sicherheit. Wenn ich das jetzt aufs Kind übertrage, bietet sich das einfach an. Wenn mich da draußen keiner mehr orientiert und führt, dann soll mich mein Kind führen. Wenn da draußen mich keiner liebt, soll mich mein Kind lieben. Und wenn mir keiner sagt, ob ich gut oder schlecht bin, soll jetzt mein Kind mit seinem Verhalten Beweis dafür sein, dass ich gut bin. Das heißt, wenn das Kind sozial klarkommt, in der Schule klar kommt, bin ich eine gute Mutter; ansonsten eine schlechte. Dadurch kommt es zur Macht-Umkehr. Das heißt der Erwachsene wird bedürftig und das Kind soll die Bedürfnisse des Erwachsenen zufriedenstellen.
Das ist wie gesagt kein bewusster Prozess, aber der betrifft ja unglaublich viele Erwachsene. Nehmen wir als Beispiel eine Oma. Eine verwöhnende Oma hätte früher für den Enkel das Lieblingsessen gekocht, aber sie hätte gesagt: Du wäschst dir erst die Hände, wir setzen uns an den Tisch, wir fangen gemeinsam an, hören gemeinsam auf! Das heißt sie hat erzogen. Eine Oma, die geliebt werden will, setzt dem Enkel keine Grenzen, weil sie dann Angst hat, dass er sie nicht mehr mag. Bei dieser Macht-Umkehr, die entsteht im Rahmen - man nennt es fachlich der Projektion -, dass ich geliebt werden will, hat das Kind keine Chance auf Entwicklung. Das heißt das kleine Kind hat ja die Vorstellung, es ist alleine auf der Welt, es kann alle steuern und bestimmen. Und wenn sich die Erwachsenen im Rahmen dieser Beziehungsstörung steuern und bestimmen lassen, entsprechen sie ja dem Weltbild des kleinen Kindes. Damit ist eine Weiterentwicklung nicht möglich.
Aber wie gehen wir mit diesen Erkenntnissen um? Irgendwas müssen wir doch anders machen.
Die Überprüfung ist zunächst einmal: befinde auch ich mich in einer Beziehungsstörung. Das ist der erste Schritt. Und wenn die Beziehungsstörung behoben ist, wenn ich mir darüber im Klaren werde - - Ich denke es ist ja nicht so, dass man bewusst ein Kind hat, um geliebt werden zu wollen, dass man damit in Kauf nimmt, dass das Kind sich nicht entwickeln kann. Das ist ja nicht bewusst. Aber wenn ich mir darüber bewusst werde, dass das nicht funktionieren kann und dass eben die Folge die ist, dass das Kind keine Chance auf Entwicklung hat, kann ich das verändern. Das heißt die Kinder sind nicht dazu da, unsere Defizite, die wir haben, zu füllen.
Können Kindertagesstätten und Grundschulen solche Fehlentwicklungen reparieren, oder sind sie Teil des Problems?
Die Schwierigkeiten, die wir haben im Bereich Kindergarten und Grundschule, sind die, dass auch dort die Partnerschaftlichkeit als vorrangig gesehen wird. Vor acht bis zehn Jahren wurden Kinder als Kinder gesehen. In einem Kindergarten hatte ich zwei Erzieherinnen. Da muss man sagen zwei Vollkräfte auf 20 Kinder. Die haben die Kinder geführt. Es war ein gleicher Ablauf da, gleiche Zeiten, gleiche Bezugspersonen. Heute werden in diesen Bereichen Kinder als Partner gesehen. Man hat die Vorstellung, sie hätten so etwas wie eine Persönlichkeit. Dazu muss man sagen, dass die Persönlichkeitsentwicklung erst mit dem achten, neunten Lebensjahr beginnt. Und diesen Kindern wird alles offengelassen. Wir haben offene Gruppen. Die Kinder können sich frei im Kindergarten bewegen und aussuchen und das ist ein Konzept, das widerspricht vollkommen neurologischen Grundsätzen. Das führt dazu, dass die Kinder auch in diesen Bereichen sich nicht mehr weiterentwickeln können.
Sie schreiben in Ihrem Buch, Kinder seien die Symptomträger der gesellschaftlichen Fehlentwicklung. Seit wann ist dieses Phänomen zu beobachten und was hat es ausgelöst?
Ich beobachte die erste Beziehungsstörung, dass man Kinder als Partner sieht, als Massenprozess seit Anfang der 90er Jahre. Die Beziehungsstörung, dass man von Kindern geliebt werden soll, seit acht bis zehn Jahren. Und es gibt seit vier, fünf Jahren eine noch viel gravierendere Beziehungsstörung: die Symbiose, in der der Erwachsene mit dem Kind verschmilzt.
Und kann man irgendwie sagen, dass das von einem bestimmten Phänomen ausgelöst wurde oder von einer bestimmten Geisteshaltung?
Die Gefahr, partnerschaftlich zu werden, hat auch etwas mit Wohlstand zu tun. Wir haben Anfang der 90er Jahre einen enormen Wohlstand gehabt und dadurch ist die Gefahr, dass der Erwachsene sich sehr stark um sich dreht, dass er seine eigene Bedürfnisse sieht und dass er dann eben sich auch leisten kann, mit einem Kind partnerschaftlich umzugehen. Ich sehe den Zusammenhang in einem enormen Wohlstand und Sie müssen ja sehen: dieses Problem haben wir nicht nur in Deutschland, sondern das haben wir in allen Wohlstandsländern, wobei ich aus einer Diskussion mit Professorin Ischinger weiß, die die PISA-Studie leitet, dass Deutschland in Europa am meisten betroffen ist.
Herr Winterhoff, für den Schweizer Pädagogen Johann-Heinrich Pestalozzi sollten Eltern gegenüber ihren Kindern vor allem dreierlei aufbringen: Zeit, Zärtlichkeit und Zuwendung. Wie lautet Ihr Dreiklang für die richtige Förderung des Nachwuchses?
Ich habe noch über keinen Dreiklang nachgedacht. Pestalozzi ist ein Pädagoge. Für mich gibt es eigentlich das Entscheidende. Das ist: ein Kind müsste wieder als Kind gesehen werden. Vor 20 Jahren hatten wir hierzu einen gesamtgesellschaftlichen Konsens. Von allen Erwachsenen wurden Kinder als Kinder gesehen. Nur wenn man Kinder als Kinder sieht und selbst abgegrenzt ist, dann kann man sich auf Intuition verlassen und dann wird man das leisten, was Kinder brauchen zur Entwicklung. Das heißt viele Eltern, die ich heute sehe und berate, hätte ich vor 20 Jahren nicht kennen gelernt, weil sie vor 20 Jahren in keiner dieser Beziehungsstörungen gewesen wären und sie hätten sich auf Intuition verlassen können.
Der Kinder- und Jugendpsychologe Michael Winterhoff in den "Informationen am Morgen" im Deutschlandfunk. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören!
Ja, danke Ihnen auch, Herr Heinemann!
Moderation: Christoph Heinemann
Michael Winterhoff, Kurzbiografie
Dr. Michael Winterhoff, geboren 1955, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er studierte Humanmedizin in Bonn und ist als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie seit 1988 in eigener Praxis niedergelassen. Er befasst sich schwerpunktmäßig mit dem aktuellen Störungsbild der psychischen Entwicklungsstörungen im Kindes- und Jugendalter aus tiefenpsychologischer Sicht. Winterhoff analysiert Familiensysteme auch auf dem Boden gesellschaftlicher Veränderungen. Als Sozialpsychiater hat er sich darüber hinaus im Bereich der Jugendhilfe einen Namen gemacht.


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Kommentare
Lieber Herr Winterhoff,
ich muss gestehen, dass Sie mir aus der Seele gesprochen haben, als ich ihr Buch gelesen habe.
Ich bin 33 Jahre alt, selber 3 fache Mutter und habe die letzten 13 Monate in einem Kindergarten gearbeitet.
Was ich da manchmal gesehen habe, hat mich wirklich zeitweise erschüttert. Und ja, ich gebe Ihnen recht, dass unserer Fachpersonal nur noch aus der Beobachterposition herraus urteilt und die Arbeit am Kind einfach nicht mehr gehandhabt wird.
Einige Kinder gehen deswegen einfach unter, oder werden sogar als Autistisch diagnostizeirt. Und das dann auch nur nach 5 Minuten Beobachtung!!!! Natürlich von einer Fachkraft, die dazu noch langjährige Erfahrung in diesem Bereich hat.
Elterngespräche fallen eher so aus, dass nicht darauf hingewiesen wird, dass ggf auch die Eltern ein Fehlverhalten dem Kind gegenüber an den Tag legen. Ergo, es ändert sich für das Kind nichts, ausser dass es zu verschiedenen Ärzten und Tests gezogen wird, und immer noch Orientierunglos ist. Natürlich auch die Eltern.
Oft habe ich mich mit Kolleginen über diese Problematik unterhalten. Da ich es leider verpasst habe, in meiner Jugend eine Ausbildung zu machen, stehe ich natürlich schlecht da, um hier und da positiv einzugreifen.
Als ich meinen Kolleginen sagte, dass es aus meiner Sicht auch wichtig ist, mal in die Familie zu schauen, wie es dort im Alltag ist, stimmten viele dafür. Leider ist es hier in Deutschland nicht gerne gesehen, da man den Eltern ja sozusagen 'das Zepter' aus der Hand nimmt.
Ich finde das ist Quatsch. Viel wichtiger finde ich den Aspekt, dass man als 'helfende Hand' Eltern und Kind mit seiner Fachkenntnis zur Seite steht. Es geht auch nicht darum, den Eltern zu sagen: 'Du kannst das nicht' Ich denke nur, dass Hilfe für Eltern auch gleichzeitig Hilfe für eine Kindgerechte Entwicklung ist und unser Zusammenleben damit für die Zukunft wieder hergestellt wäre.
Ein wenig uneins bin ich mit Ihrer Aussage, dass wir in unserer heutigen Wohlstandsgesellschaft keine Ängste mehr haben, da wir ja in jeglicher Hinsicht versorgt sind. Die Ängste haben sich einfach nur verlagert. Um nur ein Beispiel zu nennen: 'Wie bezahle ich morgen mein Brötchen' Und dass geht mittlerweile nicht nur Harz IV - Empängern so, sondern vor allem dem Mittelstand. Bei uns ist ein ziemlich großer Wurm drin, den es auszutreiben gilt.
In diesem Sinne
nicci
Tyrannische Kinder, hilflose Eltern, entnervte Lehrer: Bestsellerautor Michael Winterhoff („Warum unsere Kinder Tyrannen werden“) erklärt in seinem neuen Buch, wie Familien aus der Sackgasse herausfinden können: Indem Eltern nicht länger versuchen, Partner ihrer Kinder zu sein.
Immer weniger Kinder sind heute altersgerecht entwickelt, vielen Erstklässlern fehlt die Grundschulreife. Sie sagen: Es liegt nicht an falschen Erziehungskonzepten, sondern an fehlender psychischer Reifung - weil viele Eltern ihre Kinder nicht Kind sein lassen, sondern als Partner betrachten und geliebt werden wollen.
Michael Winterhoff: Ja, das ist leider so. Immer mehr Kinder sind schon im Vorschulalter in Behandlung – in Ergotherapie, Psychotherapie oder Sprachtherapie. Dahinter steht das Problem, dass viele Kinder am Tag der Einschulung den psychischen Reifegrad eines Kleinkindes haben.
Viele Eltern haben im letzten Jahr Ihr Buch gelesen und wollen nun wissen: Wie verhindert man, dass sich Kinder zu selbstbezogenen Tyrannen entwickeln?
Ganz kleine Kinder denken noch, sie könnten alle und alles bestimmen. Sie können sich nur weiter entwickeln, wenn ihnen der Erwachsene ein klares Gegenüber ist und ihnen zeigt, dass er sich nicht steuern lässt, sondern dass er es ist, der das Kind führt. Das Geheimnis einer glücklichen Kindheit ist: Dass sich der Erwachsene als Erwachsener sieht und das Kind nicht als Partner, sondern als Kind betrachtet, als Schützling. Das Gespür dafür ist im Menschen angelegt. Vor 20 Jahren war es noch so, dass sich die meisten Eltern auf dieses Gespür verlassen haben.
"Kinder müssen erleben, dass sie nicht alles selbst bestimmen können"
Ihre Zauberformel lautet: „Das Kind als Kind sehen“. Woran erkennen Eltern, ob sie ihr Kind mit Partnerschaftlichkeit überfordern?
Nehmen wir das Beispiel Aufräumen. Eltern, die das Kind als Partner sehen, werden dem Kind erklären, wie man aufräumt und dann erwarten, dass es das versteht und von nun an aufräumt. Eltern, die geliebt werden wollen, räumen sogar jahrelang selbst für das Kind auf. Beides geht schief. Wenn man dagegen das Kind als Kind sieht, dann wird man bei einem Dreijährigen selbst aufräumen, während das Kind dabei zuschaut und vielleicht auch mal ein Klötzchen in die Kiste wirft. Es kann noch nicht allein aufräumen. Bei einem Vierjährigen wird die Arbeit aufgeteilt, ein Fünfjähriger kann allein aufräumen – aber ich muss immer noch dabei bleiben. Bei einem Grundschüler erteile ich den Auftrag und schaue mir nachher das Ergebnis an.
Gut, ohne psychische Reife gehen Erziehungsversuche ins Leere. Aber wie ist es zum Beispiel mit Lisa, sie ist vier Jahre alt. Sie sucht sich jeden Morgen ihre Sachen selbst heraus und zieht an, was sie will. Ist das ein Zeichen von psychischer Reife?
Nein. Kinder kommen ja bereits mit dem Willen zu bestimmen auf die Welt. Nur wenn sie erleben, dass sie nicht immer selbst bestimmen können, sondern erst die Mutter fragen müssen, können sie sich wirklich weiter entwickeln. Wenn man ein fünfjähriges Kind als Kind und nicht als Partner sieht, sollte man sich beim Anziehen daneben stellen, es vielleicht die Farbe des Pullovers auswählen lassen, darüber hinaus aber als Erwachsener entscheiden, welche Kleidung das Kind trägt.
Auch gut entwickelte Kinder kommen einem manchmal wie kleine Tyrannen vor. Ist „Geh’ auf dein Zimmer!“ eine kluge Reaktion auf freche, aufsässige, nölige Kinder?
Kinder können Aggressionen nicht kanalisieren, etwa indem sie einfach eine Runde Joggen gehen. Sie leben Aggressionen aus, mit Fäkalsprache oder ständigem Dazwischenreden zum Beispiel. Auch gesund entwickelte Kinder sind manchmal frech oder verweigern sich. Ich würde dann ein Kind auf sein Zimmer schicken. Die Aggression kann sich abbauen und das Kind kann ausgeglichen zurückkommen.
Ortswechsel – wie sieht es denn in der Schule aus? Sie kritisieren die offenen, partnerschaftlichen Lernkonzepte, das „Edutainment“, den Methodenwirrwarr. Ist das ein Plädoyer für den Frontalunterricht?
Nein. Ich bin kein Lerntheoretiker. Entscheidend ist für mich die Beziehungsebene. Ein Grundschulkind arbeitet nur für die Lehrerin. Gerade die Kleinen müssen sich deshalb am Lehrer orientieren können. Die offenen Konzepte kommen für viele Kinder einfach viel zu früh.
Julia Emmrich
Jetzt legt der Bonner Kinder- und Jugendpsychiater mit einem neuen Buch nach: „Tyrannen müssen nicht sein. Warum Erziehung allein nicht reicht - Auswege.“
Gütersloher Verlagshaus
192 Seiten, 17,95 Euro
Es ist mittags, 13 Uhr, irgendwo im Deutschland des Jahres 2008. In der dreiköpfigen Familie Schmidt ist soeben das Mittagessen beendet worden, folgende Szene schließt sich an: Die zweijährige Tochter Mia wird von ihrer Mutter gefragt, ob sie denn heute gerne einen Mittagsschlaf halten möchte oder lieber doch nicht.
Mia überlegt hin und her, ihre Eltern warten geduldig auf die Entscheidung ihrer Tochter, denn manchmal hat Mia auch einfach keine Lust auf Mittagsschlaf. Doch heute befindet sie, sie sei müde und wolle durchaus schlafen. Es müsse aber selbstverständlich das übliche Einschlafritual ablaufen.
Und das sieht so aus: Mia legt sich in die Mitte, rechts und links davon liegen Vater und Mutter. Nun darf Mia beide so lange an der Nase festhalten, bis sie irgendwann eingeschlafen ist. Sie glauben nicht, dass sich solche Szenen wirklich abspielen? Dass sich Eltern von ihren Kindern im wahrsten Sinne des Wortes an der Nase herumführen lassen, ohne dass ihnen auffällt, dass dieser Zustand möglicherweise nicht in Ordnung ist?
Nun, Kinder tun genau das, und die Eltern spielen mit. Jeden Tag, in immer mehr Familien.
Die drei häufigsten Fehler, mit denen Eltern aus ihren Kindern Tyrannen machen:
Partnerschaft
Der Erwachsene sieht Kinder auf gleicher Ebene und unterliegt der Vorstellung, man könne bereits kleine Kinder über Erklären und Verstehen erziehen. Dahinter steht ein Freundschaftskonzept und ein starker Wunsch nach Harmonie.
Eltern, die so handeln, wollen um jeden Preis im Einklang mit ihren Kindern leben, setzen auf allzeit gutes Verständnis und das Verschwinden innerfamiliärer Hierarchien. Daraus resultierende endlose Diskussionen nehmen den Kindern jegliche Sicherheit im Umgang mit Erwachsenen.
Das Kind soll als gleichberechtigter Partner für seine Eltern fungieren und wird dadurch häufig zusätzlich mit Themen und Verhaltensweisen überfordert, für die es definitiv zu jung ist.
Projektion
Der Erwachsene gerät in Abhängigkeit vom Kind, weil er die positiven Bezüge zu seiner Umwelt weitestgehend verloren hat.
Er fühlt sich häufig von der technischen Entwicklung, von sozialen Einflüssen oder von der schieren Informationsflut überfordert und sucht deshalb verstärkt nach Anerkennung und Liebe. Das Kind bietet sich hier als ideale Kompensation an.
Dieser Prozess findet natürlich unbewusst statt, nichtsdestotrotz handelt es sich um einen emotionalen Missbrauch des Kindes. Der Wunsch nach Liebe und Anerkennung wird nämlich nun in das Kind hineinprojiziert. Folglich wird das Kind verantwortlich, dem Erwachsenen zu geben, was jener entbehrt. Der Erwachsene seinerseits möchte vom Kind geliebt werden.
Das hat, um es noch einmal ausdrücklich zu sagen, nichts damit zu tun, dass sich jeder Vater, jede Mutter freut, wenn er oder sie Liebe und Zuneigung vom Kind erfährt. Diese Erfahrung ist normalerweise an keinerlei Bedingungen geknüpft, sie wird immer wieder durch Zufall gemacht.
Die Beziehungsstörung der Projektion dagegen bedeutet, dass Erwachsene auf diese Liebe und Zuneigung angewiesen sind und damit dem Kind keine Struktur mehr vorgeben können. Es herrscht die latente Angst, das Kind könne diese Vorgabe als restriktiv empfinden und dann dem Erwachsenen die Zuneigung verweigern.
Die Folge ist eine Machtumkehr: Das Kind verbleibt in der frühkindlichen Fantasie, über dem Erwachsenen zu stehen und ihn steuern zu können.
Symbiose
In der Symbiose verschmilzt die Psyche eines Elternteiles mit der des Kindes.
Hintergrund dafür ist eine scheinbar nicht zukunftsweisende Gesellschaft. Die beim Elternteil fehlenden Anteile wie Glücklich- oder Zufriedensein werden unbewusst aus der Psyche des Kindes entnommen und in die eigene Psyche integriert.
Aus diesem Grund ist dann das Glück des Kindes plötzlich das des Elternteiles. Dieser fühlt für das Kind, er denkt für das Kind und geht beispielsweise auch für das Kind in die Schule.
Diese Eltern nehmen vieles im Hinblick auf das kindliche Verhalten gar nicht mehr wahr. Sie sind blind für eigentlich offensichtliches Fehlverhalten, es stört sie überhaupt nicht.
Von DR. MICHAEL WINTERHOFF
Sehr geehrter Herr Dr. Winterhoff,
ich habe Sie gestern Abend im Fernsehen gesehen und schreibe Ihnen deshalb heute.
Meine Tochter ist geschieden und mein Ex-Schwiegersohn behandelt seinen Sohn Philipp - 12 Jahre - als seinen "Psychologen". Er hat ihm so z.B. vor Weihnachten erzählt, dass der Papa an Weihnachten (Heilig Abend ist Philipp immer bei Mama) alleine wäre.
Er macht dem Kind ein schlechtes Gewissen dass er lieber bei Mama ist. So hat er dann nach Weihnachten ihm wieder gesagt, dass er den Weinachtsbaum nicht alleine abschmücken kann und seine Hilfe braucht.
Wie kann ich dem Kind und auch meiner Tochter, helfen und wer kann meinem Ex-Schwiegersohn seine Fehler dem Kind gegenüber aufzeigen? Er ist auch Bekannten gegenüber völlig uneinsichtig.
Danke im voraus
Fakt ist, in Deutschland wird seit Jahren eine Zunahme von "verhaltensauffälligen Kindern festgestellt".
Fakt ist, dies betrifft vornehmlich Kinder männlichen Geschlechts.
Dies sind genau die Kinder, die dann Herr Winterhoff als Kunden/Patienten begrüßen darf, die dann in seinem Büro gebeten werden auf seinem Stuhl Platz zu nehmen und wenn Sie aus Respekt vor diesem ehrfurchterfüllenden Sitzplatz den nächsten weniger repräsentanten Stuhl aufsuchen, sind sie in die Falle getappt und der Narzissmus hat wieder mal zugeschlagen. Keine Fiktion, real erlebt und gottlob wurde von uns die Sitzung abgebrochen. Zum besten gab Herr Winterhoff ," wir hier in der BRD haben besondere Erziehungsmaßstäbe......" (Klar bei unserem Äußeren mit sogenanntem Immigrantenhintergrund) passte das wie die Faust aufs Auge.
Herr Winterhoff, während Sie mindestens in den letzten fünf Jahren nichts anderes predigen als den verschleppten nie beendeten Narzissmus ändert sich die Welt in einem nie dagewesenen Tempo. Weder die Erwachsenen noch die Kinder sind in der Lage dies richtig zu filtern. Es fehlt schlichtweg an Vorbildern in der Erwachsenenwelt, eine notwendige Konstanz in der Familie, gewisse physikalische Nöte (materieller Überfluss!), das hat weniger mit einer Narzissmusphase zu tun als viel mehr mit unsicheren/sicheren Verhältnissen und, hier und dort mit einer Veranlagung u.v.m.. Sie machen es sich doch etwas zu einfach. Vielleicht verwechslen Sie frühe Mündigkeit mit Tyrannei, ich bin froh, dass sich die Kinder eher wehren als sie es früher getan hätten. Da Sie gerne Alltagsanalogien bemühen, hier mal eine andere, wenn der PC mit Ihrer Software nicht mehr Schritt halten kann, aktualisieren Sie dann nicht Ihren PC?
Übertragen auf die Schulen, hier sollte der gesamte Frontalunterricht im besonderen, was die Kinder unter 14 Jahre betrifft stärker in Frage gestellt werden und die finanzielle Situation im Bildungssektor überdacht werden.
Ja ja, "Früher war alles besser, auch die Zukunft" frei nach Karl Valentin.
Was bin ich froh, dass nicht wenige bekannte Persönlichkeiten in der Regel diese "narzisstische Phase" ausgiebig gedehnt haben!
Es scheint doch eher so zu sein, dass hier der kommerzielle Erfolg gepaart mit aufschreckenden Begriffen im Vordergrund steht. Als Erklärungsansatz ist er jedoch minder dimensioniert.
Was tun mir die sogenannten Patienten leid, deren Eltern der Mut fehlt aufzustehn, ach ja ich vergaß, die Eltern stammen noch der hörigen vom Narzissmus befreiten Generation an.
Ich bin mal so mutig / wehre mich/ verweigere mich dem Trend und schreib es mir von der Seele.
Immer mehr Eltern machen die Erfahrung, dass ihr Nachwuchs einfach nicht hören will. Viele Kinder sind auch nicht mehr in der Lage, länger als zehn Minuten still zu sitzen, sich zu konzentrieren und nicht ständig neue Wünsche kundzutun. Die Gründe dafür sind vielfältig. Eltern können jedoch etwas dagegen tun.
Er meint es doch nicht so! Ich kann es einfach nicht mehr hören. Zum zweiten Mal hat der vierjährige Lukas, dem meine Kinder auf dem Spielplatz regelmäßig begegnen, meinem fünfjährigen Sohn neben dem Auge einen tiefen Kratzer versetzt. Schon damals, als Lukas meiner Tochter die Nägel durchs Gesicht gezogen hatte, nahm ihn seine Mutter mit diesen entschuldigenden Worten in die Arme und tröstete ihn, weil meine lädierte Lara ihm ein „Du bist blöd“ entgegenschluchzte. Lukas meint es nie so. Und auf meine Bitte an die Mutter, ihrem Kind doch wenigstens die Nägel zu schneiden, sagte sie leise, dass er das nicht so mag.
Lukas und seine Mama wären ein Paradebeispiel für Michael Winterhoff, dessen Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ seit Wochen ganz oben auf den Bestsellerlisten rangiert. Denn immer mehr Eltern machen die Erfahrung, dass ihr süßer Nachwuchs einfach nicht hören will. Selber schuld, sagt der Kinderpsychologe. Eltern würden ihren Kindern einfach keine Grenzen setzen, alles entschuldigen, mit ihnen geradezu verschmelzen. Doch Kinder, so Winterhoff, sind keine kleinen Erwachsenen, sondern Wesen, die sich entwickeln müssen. Und es ist die Aufgabe der Eltern, ihnen dabei zu helfen – auch wenn die Kleinen mit den Füßen strampeln.
Verwahrlosung ist schlimm, aber Verwöhnen schadet nicht weniger
Als ich anfing, mich mit Winterhoffs Thesen zu beschäftigen, regte ich mich auf: Schon wieder jemand, der die guten alten Zeiten beschwört, in denen angeblich alles besser war. Ich bin mir nämlich sicher, dass schon Sokrates im alten Athen beobachten konnte, wie eine genervte Mutter ihrem Liebling, der sich aus Trotz brüllend auf den Boden der Agora stürzte, eine süße Feige in den Mund stopfte, damit er Ruhe gibt. Schließlich schrieb schon der größte Philosoph der Antike: „Unsere Kinder sind Tyrannen, sie erheben sich nicht vor Erwachsenen, sie widersprechen ihren Eltern, sie sind unmöglich.“
Und doch gibt es heute einen besonderen Notstand in deutschen Esszimmern, Wartezimmern und Schulräumen. Denn immer mehr Kinder sind nicht in der Lage, länger als zehn Minuten still zu sitzen, sich zu konzentrieren und nicht ständig neue Wünsche kundzutun. Das hat auch damit zu tun, dass Eltern immer schneller auf das kleinste Bedürfnis der Kinder reagieren – auch, weil sie durch ihren Berufsalltag angestrengt sind und endlich ihre Ruhe haben wollen. Damit tun sie ihren Kindern nichts Gutes, sondern nehmen ihnen die Möglichkeit, in ihrer Psyche Ordnung zu schaffen, erwachsen zu werden. Verwahrlosung ist schlimm, aber Verwöhnen schadet nicht viel weniger.
Claudia Becker quelle
In Europa grassiert eine neue Variante der Kinderfeindlichkeit – diesmal gepaart mit einem Frontalangriff auf die Eltern. Diese machten aus ihren Sprösslingen Monster und Tyrannen, lautet der Vorwurf.
Sein Buch hat in Deutschland und Österreich gleichermaßen für Furore gesorgt. Kein Wunder – sprach doch der Titel „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ vielen Zeitgenossen aus der Seele. Interessanter aber sind die Beweggründe, die den deutschen Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff veranlassten, seinen Bestseller zu schreiben: Es sei ein Buch für alle, die verhindern wollten, dass „unsere Gesellschaft ihre Kinder eines Tages hassen wird“.
Winterhoff macht sich damit zum Repräsentanten eines Phänomens, das in der westeuropäischen Gesellschaft immer deutlicher zutage tritt: eine neue Spielart der Kinderfeindlichkeit, diesmal gepaart mit einem Frontalangriff auf die Eltern.
Dabei handelt es sich nicht „nur“ um die ältere Dame, die sich über das Kindergeschrei in der Straßenbahn aufregt, oder um das Restaurant, das kleine Gäste nicht über seine Schwelle lässt. Winterhoff greift etwas auf, das tiefer geht: die wachsende Abneigung gegen eine Kinder- und Jugendlichengeneration, die von vielen als aufmüpfig, fordernd und respektlos empfunden wird. Auffallend ist, wie aggressiv dabei das Ressentiment gegen die Eltern ausfällt: als Verursacher, deren mangelnde Erziehungskompetenz und falsch verstandene Elternliebe allerorten kleine „Monster“ hervorbringt.
Winterhoffs Pauschalverurteilung einer ganzen Kinder- und Elterngeneration illustriert die Spannungen und Belastungen, unter denen die Familie heute existieren und funktionieren muss. Nicht nur sollen Kinder und Beruf von den Eltern (als Menschen mit einem Rest an Recht auf ein eigenes Leben) unter einen Hut gebracht werden. Viele Mütter und Väter beklagen mittlerweile auch, dass sie ständig das Gefühl haben, sich rechtfertigen zu müssen und der Umwelt zu erklären, warum sie das, was sie tun, nicht erfolgreicher hinkriegen. „Alle wissen immer alles besser als die Eltern“, lautet die Klage vieler Erziehungsberechtigter.
Am besten gar keine Kinder?
In den Augen einiger Experten beschleunigt das das Ticken der demografischen Zeitbombe. Denn durch die ständige Kritik an Kindern und ihren Eltern gewinnt die Sicht immer mehr an Akzeptanz, dass Nachwuchs zu haben den Aufwand weder finanziell noch zeitlich lohnt und von der Gesellschaft ohnedies nicht honoriert wird. Auf den extremen Punkt gebracht hat dies die französische Autorin Corinne Maier mit ihrem Buch „No Kid – 40 Gründe, keine Kinder zu haben“. Maier – mit der Absolution, selbst Mutter zweier Kinder zu sein – kommt darin zu dem Schluss, dass Kinder per definitionem „kleine Monster“ seien. Und man sie daher am besten gar nicht bekommt. Die Konsequenzen dieser zunehmenden Kinderskepsis sind aus jeder – sinkenden – Geburtenstatistik ersichtlich.
Die Frage ist, warum es heute so akzeptabel – und so einfach – ist, Kinder und Eltern in Bausch und Bogen als „Monster“, „Tyrannen“ beziehungsweise „Versager“ abzuurteilen. Obwohl Erziehungsexperten wie der Däne Jesper Juul diese Entwicklung ebenfalls mit Sorge registrieren, können auch sie nicht mit fertigen Erklärungen aufwarten.
Juul, der sich anlässlich des Symposions „Kindheit und Gesellschaft“ (veranstaltet u.a. von „Welt der Kinder“ und „SOS Kinderdorf“), in Bregenz aufhielt, bemerkt diesen Trend aber sogar in den berühmt kinderfreundlichen skandinavischen Ländern. Seiner Meinung nach krankt das Verhältnis zwischen Kindern, Eltern und der Gesellschaft an sowohl positiv als auch negativ verzerrten Vorstellungen, denen nur eines gemeinsam ist: Sie sind beide unrealistisch. Auf der einen Seite würde ein romantisches Familienbild verkauft, das dann manchmal im Chaos ende: „Weil Kinder eben nicht dauernd wunderbar sind, werden sie in einer solchen Konstellation dann im Zweifelsfall auf eine süße Art vernachlässigt.“
Futter für negative Schlagzeilen
Dem gegenüber stehe ein – auch stark von den Medien forcierter – negativer Ansatz. „Kinder werden zunehmend nur noch als Problem erlebt und dargestellt“, meint Juul. „Über Wochen und Monate liest man, wie fürchterlich Kinder und Jugendliche sind. Wie sie das Leben bereichern, darüber wird nicht oft geschrieben.“
Diese Kritik am „täglichen Gruselelement Kind“ unterschreibt auch Elisabeth Schaffelhofer vom Netzwerk Kinderrechte. Sie sieht aber noch ein anderes Problem: die hohen Ansprüche, die Eltern an sich selbst stellen; dass sie ihren Kindern – nicht nur materiell – so viel wie möglich bieten wollen. 80 bis 90 Prozent deutscher und österreichischer Eltern erziehen „partnerschaftlich“, dass heißt mit viel Erklärung, Verhandlung und Überredung.
Der Erfolg von Winterhoff und anderen suggeriert der derzeitigen Elterngeneration allerdings, dass auch sie – wie schon die autoritäre und anti-autoritäre Generation vor ihr – alles falsch macht. Doch in allen schlauen Büchern fehlt leider eines: eine Lösung.
DORIS KRAUS (Die Presse) quelle
Ich kann Ihre Beobachtungen nur bestätigen und möchte Sie zu Ihrem Beitrag gratulieren!
Der Kinderpsychiater Michael Winterhoff warnt die Eltern: Kinder werden immer häufiger zu Partnern gemacht – das scheint liberal und tolerant zu sein, birgt jedoch die Gefahr, dass die Kinder dadurch überfordert werden.
"Wiener Zeitung:" Jede Generation behauptet, früher seien die Kinder braver und klüger gewesen. Steht es denn heute wirklich so schlecht um die Jungen?
Michael Winterhoff: Ich arbeite seit 1988 als Kinderpsychiater. In den letzten 15 Jahren habe ich beobachtet, dass sich das Verhalten von Kindern und Jugendlichen in meiner Praxis gravierend verändert hat. Während es früher vielleicht zwei, drei auffällige Kinder pro Schulklasse gab, so sind es inzwischen oft dreimal so viel. Meistens haben diese Kinder die gleiche Störung. Es sind Narzissten mit dem Entwicklungsstand eines Eineinhalbjährigen. In diesem Entwicklungsstadium reagiert das Kind in erster Linie lustorientiert und steuert damit sein Umfeld. Ein jugendlicher Erwachsener mit einer derartigen Psyche ist nicht in der Lage, sich in den Arbeitsalltag zu integrieren. Das ist alarmierend, wenn man bedenkt, dass diese Generation einmal das Ruder übernehmen soll.
Wie drückt sich dieser Narzissmus aus?
Ein typisches Merkmal ist, dass sich diese Kinder und Jugendlichen nicht auf mich als Gegenüber einstellen können. Das beginnt schon, wenn ich das Wartezimmer betrete: Der zehnjährige Patient lümmelt am Boden und reagiert nicht auf meine Begrüßung. Im Praxiszimmer setzt er sich bewusst auf den Stuhl rechts von meinem Schreibtisch, wenn ich ihm den linken anbiete, und wirkt wie behindert. Von Lehrern höre ich, dass er ihre Arbeitsanweisungen nicht ausführt.
Das klingt nach Trotzverhalten.
Aber doch nicht in diesem Alter! Dieses Verhalten ist nicht mal mit drei Jahren in Ordnung. Ab diesem Alter sollte ein Kind normalerweise in der Lage sein, den anderen zu erkennen. Es verliert allmählich das kleinkindliche Weltbild, demzufolge es nur mich gibt und ich alles bestimmen kann. Das Kind grüßt zusammen mit den Eltern und führt die Anordnungen eines übergeordneten Erwachsenen aus. Und beginnt damit, bestimmte Arbeiten zu erledigen, wie das Tischdecken, später dann Hausaufgabenmachen.
Also hapert es bei der Erziehung?
Es handelt sich hierbei eben nicht um fehlende Erziehung, auch wenn dies so aussehen mag. Das Entscheidende ist, dass diese Kinder psychisch nicht entwickelt sind – trotz Erziehung. Ich behaupte, dass die neurobiologische Entwicklung bei ihnen nicht stattfindet. Erst die aber lässt den Menschen zu einem alltagstüchtigen, das heißt frustrationstoleranten, sozialkompetenten Erwachsenen heranreifen.
Sie fokussieren ein Idealbild des angepassten Menschen, der seine Emotionen im Griff hat und bei der Arbeit funktioniert. Bleibt dabei nicht die Individualität auf der Strecke?
Anpassung und Individualität schließen einander nicht aus. Aber die Individualität kann sich erst ab einem bestimmten Entwicklungsstand entfalten. Ein dreijähriges Kind hat noch keine Persönlichkeit. Es kann erst unter richtiger Führung eine entwickeln. Es kann noch nicht entscheiden, ob es spielen oder basteln will. Die Eltern oder Bezugspersonen müssen diese Entscheidung treffen. Deshalb sind Montessori-Schulen und solche mit individuellem Förderansatz nur geeignet für Kinder, die Regeln verinnerlicht haben. Für narzisstische Kinder sind sie eine totale Überforderung.
Was ist der Grund für die fehlende Reifeentwicklung bei vielen Kindern?
Der Schlüssel zum Problem ist, dass viele Erwachsene unbewusst Beziehungsstörungen zu ihren Kindern aufbauen. Sie nehmen ihr Kind nicht mehr als Kind wahr, und das führt dazu, dass es in die Rolle des Erwachsenen schlüpft. Das ist etwa der Fall, wenn ein achtjähriges Kind über die Farbe des neuen Sofas bestimmt oder den Urlaubsort auswählt. Im schlimmsten Fall gehen die Eltern mit ihren Kindern eine Symbiose ein – sie verschmelzen mit ihnen. Sie nehmen ihr Kind nicht mehr als etwas Fremdes wahr. Das Kind ist wie ein weiterer Arm der Mutter oder des Vaters, die es nicht als störend empfinden, wenn ihr Fünfjähriger Stühle umwirft, während man sich mit ihnen unterhält. Die Kinder werden von Erwachsenen unbewusst zu Partnern gemacht. Anstatt das Kind zu führen, lassen sie sich von ihm steuern.
Sie sind also für mehr Autorität. Das löst bei vielen 68ern, die sich als Opfer eines diktatorischen Erziehungsstils empfinden, vermutlich Unbehagen aus. Gibt es einen Mittelweg?
Elternschaft hat sich historisch verändert. Die Folge des diktatorischen Erziehungsstils waren unter anderem devote Persönlichkeiten oder, im anderen Extremfall, radikale. Aber zwischen 1970 und 1990 gab es in der Mittelschicht ein förderliches Familienmodell. Die Kleinkinder wurden angeleitet, den Jugendlichen wurde dann mehr Verantwortung übertragen – das war ein Weg von Hierarchie zu Partnerschaft. Mit dem zunehmenden Wohlstand ist die Situation leider gekippt. Das Kind soll heute alles haben dürfen – und zwar sofort.
Was hat der Wohlstand damit zu tun?
So viel Wohlstand und Wahlmöglichkeiten und gleichzeitig so viele Negativprognosen in Sachen Umwelt, Arbeit und Sicherheit wie es derzeit gibt, hält kein Mensch aus. Viele Eltern sind verunsichert angesichts einer Gesellschaft, die immer weniger Orientierung und Sicherheit bietet. Die Anforderungen an den Einzelnen werden immer komplexer. Das beginnt schon bei der Wahl des richtigen Telefonanbieters und geht im Berufsleben weiter. Viele Erwachsene kompensieren solche Orientierungslosigkeit unbewusst mithilfe ihrer Kinder. Das kindliche Glück soll dem Leben Sinn verleihen und scheint vielen die einzige Zukunftsperspektive. Und diese Projektion kehrt die Machtverhältnisse innerhalb der Familie um. Eltern tun alles, um von ihren Kindern geliebt zur werden. Sie wollen von ihnen dafür gelobt werden, dass sie hart arbeiten, um dem Kind das teuerste Spielzeug kaufen zu können. Kinder werden in die Elternrolle gedrängt.
Sie haben selbst zwei Kinder. Können Sie sich abgrenzen, wenn Ihre Kinder sich weigern oder frech sind?
Ich grenze mich als Elternteil nicht ab, sondern bin natürlich abgegrenzt. Abgrenzung ist in diesem Fall kein aktiver Vorgang. Wenn ich als Elternteil in mir ruhe, reagiere ich aus der Intuition. Sicher haben sich auch meine Kinder im Kleinkindalter manchmal geweigert, sich anzuziehen. Ich habe dann den Raum verlassen und als ich wieder kam, waren sie angezogen, oder bereit, sich anziehen zu lassen.
Ihrer Meinung nach reagieren immer mehr Eltern und Erwachsene nicht mehr mit einer natürlichen Intuition gegenüber ihren Kindern. Handelt es sich bei den Beziehungsstörungen also um ein gesamtgesellschaftliches Phänomen?
Ja. Früher hatte ich bloß Einzelfälle mit solchen Symptomen, die auf psychische Probleme der Eltern zurückzuführen waren. Inzwischen betrifft das Phänomen gesunde Eltern aus der Mittel- und Oberschicht, ebenso wie Lehrer und Erzieher.
Wie sieht es in den Kindergärten und Schulen aus?
Die Kindergärten haben "Neigungsgruppen", das heißt offen Strukturen, in denen Kinder frei wählen können, in welcher Gruppe sie arbeiten wollen. Dadurch verändern sich Raum, Gruppe und Bezugspersonen ständig, was für Kinder in diesem Alter eine Überforderung darstellt. Auch die Unterrichtsformen an den Schulen haben sich total verändert. Es gibt Gruppentische mit wechselnden Betreuungspersonen. Im Vordergrund steht Freiarbeit, in der jedes Kind nach seinem Lerntempo arbeiten kann, aber häufig nicht muss. Vielerorts sind Hausaufgabenkontrolle und Notengebung weggefallen. Es werden partnerschaftliche Lernkonzepte praktiziert. Die Kinder versorgen sich beim sogenannten Buffetunterricht mit Lernmaterialien und sollen auf diese Weise zu selbständigem Arbeiten angeregt werden. Aber Kinder in diesem Alter lernen personenbezogen, für eine Lehrperson, und sie brauchen deren Anleitung. Dieser Gehorsam hat nichts mit Drill zu tun, sondern ist das natürliche Verhalten von Heranwachsenden gegenüber einer Leitfigur.
Dann betrachten Sie diese pädagogischen Reformen im Kindergarten und in der Grundschule als kontraproduktiv?
Ja, denn selbständiges Arbeiten kommt in der Entwicklung erst viel später. Die heutige Unterrichtsform widerspricht neurologischen Erkenntnissen. Auch die fehlenden schulischen Leistungen vieler Kinder spiegeln das wider. Deshalb musste man die Erwartungen senken. In Nordrhein-Westfalen musste ein Grundschüler früher 4000 Wörter schreiben können, heute sind es nur 1000. Ein weiteres Symptom der fehlenden Reife ist die zunehmende Suchtgefahr im Jugendalter. Ein vor allem lustorientierter Mensch kann solch kurzzeitiger Befriedigung kaum widerstehen.
Was kann verändert werden?
Leider hat man Freud und Co. in die Mottenkiste gepackt. Sein Phasenkonzept ist aber nach wie vor richtig. Auch Anna Freud hat den frühkindlichen Narzissmus als Durchgangsphase eindrücklich beschrieben. Inzwischen herrscht leider die weitverbreitete Meinung, dass sich die menschliche Psyche quasi von allein entwickle. Aber die positiven psychischen Funktionen bilden sich erst im Lauf der Kindheit aus und zwar vor allem dadurch, dass die kindliche Psyche ein erwachsenes Gegenüber als Begrenzung der eigenen Individualität wahrnimmt. Das geschieht vor allem dadurch, dass ein Kind ab dem zweiten Lebensjahr nicht immer alles sofort bekommt, sondern auch mal warten muss. Nur so entwickelt sich eine Frustrationstoleranz. Die kindliche Psyche muss gebildet werden.
Und wie wird die kindliche Psyche gebildet?
Psychische Funktionen wie Arbeitshaltung oder Frustrationstoleranz werden, wie zum Beispiel das Lesen und Rechnen, von Nervenzellen ausgeführt. Wird eine Nervenzelle durch einen bestimmten Reiz aktiviert, dann übernimmt sie ab diesem Zeitpunkt eine bestimmte Aufgabe. Je mehr die Nervenzelle trainiert wird, desto besser automatisieren sich die Abläufe, die die Zelle zu leisten hat. Wenn Sie Ihrem Kind etwa regelmäßig sagen, dass es sich die Zähne putzen muss, wird es das irgendwann selbständig tun. Das gilt auch für andere Prozesse, wie für die Körperhygiene insgesamt.
Woher wissen Eltern, was sie ihren Kindern zumuten können?
Wenn Eltern Kinder als Kinder ansehen, handeln sie intuitiv. Dann versteht es sich von selbst, dass psychische Funktionen eingeübt werden müssen, vergleichbar dem Lesen, Schreiben, Rechnen. Solche Trainingsprozesse sind oft sehr langwierig. Nehmen Sie zum Beispiel die Arbeitshaltung: Eltern leiten ihre Kinder ab dem ersten Grundschuljahr zu den Hausarbeiten an und kontrollieren, ob diese vollständig gemacht sind. Eine derartige Begleitung ist bis zum 14. Lebensjahr erforderlich. Die kontinuierliche, liebevolle Anleitung durch die Eltern führt dazu, dass das Kind diesen Ablauf irgendwann verinnerlicht hat. Durch dieses kontinuierliche Training verschiedener Funktionen bildet sich in den ersten 20 Lebensjahren allmählich die menschliche Psyche heraus.
Was raten Sie Eltern und Erziehern?
Ich bin kein Ratgeber und suche auch nicht nach Schuldigen. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass ohne die psychische Reife-entwicklung des Kindes alle pädagogischen und sozialpolitischen Reformen scheitern werden. Als Erwachsener soll man überprüfen, ob man sich in einer Beziehungsstörung befindet. Denn Kinder haben nur dann eine Chance auf eine gesunde Reifeentwicklung, wenn sie als Kinder gesehen und behandelt werden.
Von Manuela Ziegler quelle
Im Frühjahr 2008 erschien sein Buch "Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Oder: Die Abschaffung der Kindheit" (Gütersloher Verlagshaus, Bielefeld).
Im Universitäts-, Schul- und Firmenbereich werden immer häufiger Leistungsschwächen, fehlende Sozialkompetenzen und eine übertriebene Anspruchshaltung bei Kindern und Jugendlichen festgestellt. Lehrer und Erzieher fordern Grenzziehungen. Winterhoff meint jedoch, dass dies nichts helfe. Er sieht die Ursache für die zunehmenden Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern darin, dass sie keine Kinder mehr sein dürfen.
Sein Ansatz scheint für viele der erhoffte Ausweg aus der Misere, sodass es sein Buch "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" an die Spitze der deutschen Bestsellerliste geschafft hat. Auch in Japan und Korea soll es veröffentlicht werden. Winterhoff verbindet Kindheitsdeutung nach Sigmund Freud mit neurologischen Erkenntnissen.
Allerdings ist Winterhoffs Buch auch auf Widerspruch gestoßen: In vielen Internet-Diskussionsforen streiten Eltern, Lehrer und Erziehungswissenschafter darüber, ob die These von der "Abschaffung der Kindheit" zutrifft oder nicht.
70 Prozent der Kinder sind gestört, sagt der Psychiater Michael Winterhoff. Der Autor des Buches "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" macht dafür Eltern verantwortlich, die von ihren Kindern geliebt werden wollen. Im stern.de-Interview erklärt er seine provokanten Thesen - und vergleicht Eltern mit Tennistrainern.
Herr Winterhoff, Ihr Buch hat großes Aufsehen erregt. Das ist nicht verwunderlich: Sie werfen Eltern, die einen partnerschaftlichen Umgang mit ihren Kindern pflegen, "emotionalen Missbrauch" vor. Das sind harte Worte. Wollen Sie zurück zur autoritären Erziehung?
Genau so möchte ich nicht verstanden werden. Es geht nicht um Vorwürfe und auch nicht um die Frage, autoritäre oder antiautoritäre Erziehung. Ich bin Psychiater und kein Pädagoge. Mir fällt auf, dass mit dieser Gesellschaft etwas nicht stimmt. 70 Prozent der Kinder sind gestört.
Wie kommen Sie auf diese Zahl?
Da gibt es einen ganz einfachen Test: Gehen Sie in eine Schulklasse und bitten Sie die Kinder, ihr Deutschbuch hervor zu holen. Sie werden Ihre Bitte mindestens drei Mal wiederholen müssen und einzelne Kinder auch dann nicht dazu bringen, wenn Sie sie mit Namen ansprechen. Ein Drittel der Kinder wirkt abwesend, ein Drittel macht andere Dinge, sie reden, hören Musik, toben durch den Raum. Das ist der blanke Horror. Schulkinder sind heute entwicklungspsychologisch gesehen auf dem Stand von unter Dreijährigen.
Dass ein Lehrer eine Aufforderung mehrmals wiederholen muss, ist doch nichts Ungewöhnliches. Wieso kommen Sie gleich mit der Entwicklungspsychologie?
Weil es nicht nur darum geht, dass Kinder hin und wieder etwas frech sind. Es geht um eine auffällige Diskrepanz, die mir in meiner psychiatrischen Praxis schon lange zu schaffen macht: Zu mir kommen engagierte Eltern, die alles für ihr Kind tun möchten, intakte und vollständige Familien - eigentlich optimale Bedingungen, um ein Kind groß zu ziehen. Trotzdem sind die Kinder verhaltensauffällig und meist respektlos. Sie wirken wie behindert, aber sind es nicht. Die Eltern sind ratlos, schließlich tun sie alles für ihr Kind. Und genau da liegt das Problem. Das ist ein Problem der modernen Erziehung.
Früher war also alles besser? Wie lange ist ihr früher her?
Nicht lange. Noch vor 20 Jahren hatten wir eine ganz andere Gesellschaft. Sie wirkte geordnet und in sich abgegrenzt. Und es gab einen eindeutigen Konsens: Kinder wurden als Kinder gesehen. Partnerschaftliche Umgangsformen gab es erst gegenüber älteren Kindern oder Jugendlichen. Die Erziehung bestand aus zwei Systemen: Dem traditionellen Hierarchiedenken und dem modernen Denken, nach dem Kinder erst begreifen sollen, wieso etwas erlaubt oder verboten ist und auf dieser Grundlage handeln. Seit 16 Jahren behandelt man Kleinkinder als wären sie Erwachsene.
Was hat das mit der geordneten Gesellschaft zu tun?
Seit Anfang der Neunziger hat sich ein enormer Wohlstand ausgebildet, dazu kommt ein großer technischer Fortschritt. Die Erwachsenen kümmern sich mehr um sich selbst, die Menschen sind egoistischer geworden. Das liegt auch daran, dass die Gesellschaft weniger Orientierung bietet und weniger Sicherheit. Wir haben uns zu einer angstschürenden Gesellschaft entwickelt, die nicht mehr positiv zukunftsweisend ist. Diese Veränderung verkraften wir nicht, die Menschen sollten sich die Sinnfrage stellen. Stattdessen wird über das Kind kompensiert.
Sie haben drei Beziehungs-Störungen zwischen Eltern und Kindern in der modernen Gesellschaft ausgemacht: Partnerschaftlichkeit, Projektion und Symbiose. Ein komplexer Ansatz. Muss man heutzutage Psychologie studieren, um ein Kind erziehen zu können?
Nein, natürlich nicht. Es war nicht einfach, die Störungen zu erkennen. Aber sie sind einfach zu verstehen, deshalb habe ich ja das Buch geschrieben. Ich habe das Thema seit ein paar Jahren in der Schublade. Jetzt ist die Gesellschaft so weit, meinen Ansatz verstehen zu können und etwas zu ändern.
Machen Sie ein einfaches Beispiel: Was ist das Problem einer partnerschaftlichen Beziehung?
Kleine Kinder sind damit überfordert. Ihre Nervenzellen müssen zuerst trainiert werden und das geht nur durch Wiederholung, nicht durch Verstehen. Eine Mutter muss ihrem Kind vier Jahre lang jeden Tag sagen, dass es nach dem Essen seinen Teller wegräumen soll. Mütter müssen zur lebenden Schallplatte werden von morgens bis abends. Sonst werden die Nervenzellen nicht trainiert.
Das klingt biologistisch und ein bisschen altmodisch. Wieso ist es ein Fehler, einem Kind zu erklären, wieso der Tisch abgeräumt werden muss?
Weil die Psyche erst gebildet werden muss. Stellen Sie sich einen Tennistrainer vor, der seinem Schützling erklärt, wie Tennis geht. Dann macht er es ihm vor. Und dann meint er, der Schüler kann Tennis spielen. Das kann er aber nicht. Er wird Jahre brauchen und immer wieder die gleichen Bewegungen trainieren müssen. Er lernt nicht durch Verstehen, sondern durch Tun. So ist das bei kleinen Kindern. Man darf sie nicht als Erwachsene behandeln und ihnen zumuten, alles selbst einzuordnen und zu entscheiden.
Aus diesem Grund verurteilen Sie Freiarbeit an Grundschulen: Kinder sollen nicht entscheiden dürfen, was sie wann lernen wollen. Andererseits sind Freie Schulen sehr erfolgreich mit genau diesem Konzept: Wie erklären Sie sich das?
Es geht um mehr als Schreiben und Rechnen lernen. Die Frage ist doch: Was soll dieser Mensch in 20 Jahren können? Ihm wird der Sinn für Pünktlichkeit, Fleiß und Autoritäten fehlen. Schon heute wird die mangelnde Ausbildungsreife der Jugend beklagt. Diese Menschen haben auch als Erwachsene keine Chance, wenn wir die moderne Erziehung nicht überdenken.
Freiarbeit führt zu mangelnder Ausbildungsreife?
Ich verurteile Freiarbeit nicht prinzipiell, aber sie muss gelenkt sein. Ein Lehrer, der die Kinder als Partner sieht, wird sie selbst entscheiden lassen. Kinder müssen aber als Kinder gesehen und gelenkt werden, sonst werden ihre Nervenzellen nicht trainiert und am Ende wird das Thema an einen Therapeuten abdelegiert. Vor allem wenn die zweite Beziehungsstörung der Projektion dazu kommt: Immer mehr Eltern wollen von ihrem Kind geliebt werden.
Ist das nicht verständlich?
Kinder lieben ihre Eltern so oder so. Selbst wenn sie sie missbrauchen oder schlagen. Es ist keine Kunst, von seinem Kind geliebt zu werden. Aber es ist eine problematische Motivation, ein Kind zu haben, um von jemandem geliebt zu werden. Auch das ist ein Problem der modernen Gesellschaft, die keine Orientierung und keine Anerkennung bietet.
Wieso entwickeln sich Kinder, deren Eltern geliebt werden wollen, zu kleinen Tyrannen?
Weil Eltern dann nicht mehr nein sagen können. Sie haben Angst, Grenzen zu setzen und dann nicht mehr geliebt zu werden. Das ist wie in einer Firma: Ein Chef, der geliebt werden will, kann kein Chef sein. Noch schwieriger ist es, die Symbiose anschaulich zu machen. In einer Gesellschaft, die nicht positiv zukunftsweisend ist, sehen immer mehr Eltern ihr eigenes Glück in dem ihres Kindes. Sie leben eine Symbiose. Diese Eltern merken überhaupt nicht, wenn ihr Kind rotzfrech ist. Sie fühlen sich angegriffen, wenn man sie darauf anspricht. Ich mache weder Eltern, Erziehern oder Lehrern Vorwürfe. Das ist ein Problem der Gesellschaft: Kinder bieten sich zur Kompensation an. Aber das ist Missbrauch des Kindes.
Sie sagen, Sie beobachten diese Störungen schon seit Jahren. Wie kann die Gesellschaft aus solchen eingefahrenen Strukturen ausbrechen? Was ist die Lösung?
Wir sind noch nicht bei der Lösung, sondern bei der Diagnose. Alle pädagogischen Konzepte versagen. Ich habe einen Erklärungsansatz dafür geliefert, der zeigt, dass sich das Dilemma nicht mit immer neuen pädagogischen Konzepten lösen lässt. Jeder Erwachsene ist gefordert zu überprüfen, ob er unbewusst über sein Kind kompensiert. Erst nach dieser Einsicht können wir über Lösungen reden.
Wie lange geben Sie der Gesellschaft für so eine Einsicht? Sind Sie optimistisch?
Mein Buch hat heftige Diskussionen ausgelöst. Das ist gut. Wenn man diese Strukturen erstmal erkennt und begreift, kann man sie relativ schnell verändern. Für viele Menschen haben die Erkenntnisse meines Buches ein Aha-Erlebnis ausgelöst. Die Menschen erkennen sich wieder, Störungen sind nachvollziehbar - und das birgt die Chance zur Veränderung.
Interview: Eva Wolfangel
Der Bonner Neurologe, Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Michael Winterhoff arbeitet seit über 20 Jahren in seinem Fachberuf. Bei seinen täglichen Gesprächen bemerkt er immer wieder das veränderte Verhalten der Kinder. "Handelte es sich früher um eine angemessene Begrüßung auch von Seiten der Kinder, so erlebe ich es heute, dass sie teilweise motzig neben ihren Eltern sitzen und mich völlig ignorieren. Oder es sind Zwölfjährige, die auf dem Boden sitzen, spielen und gar nicht reagieren", berichtet Dr. Winterhoff.
Für den Mediziner liegt des Rätsels Lösung auf der Hand. Viele Kinder seien in der frühkindlichen narzisstischen Phase stehen geblieben und ihre Psyche habe sich nicht weiter entwickelt. Sie seien fixiert auf eine Phase von unter zweieinhalb Jahren.
Wichtig: ständiges Wiederholen
Was sich so kompliziert anhört, kann leicht erklärt werden. Kinder durchlaufen in den ersten sechs Lebensjahren verschiedene Phasen, die dazu beitragen, die Psyche zu entwickeln. Dies gelingt aber nur, wenn Eltern sich entsprechend verhalten. "Durch ständiges Wiederholen setzen sich Dinge fest, die später von großer Bedeutung sind", betont der Mediziner. Psychische Funktionen werden vom Gehirn, das heißt von Nervenzellen, gesteuert. Diese Funktionen wiederum lassen sich nur stabilisieren, indem das Kind Hunderte gleicher Erfahrungen macht. Bis die Psyche vom Bewusstsein losgelöst funktionieren kann, ist eine hohe Wiederholungsfrequenz und damit Training angesagt. Diese neurologischen Erkenntnisse würden heute bei der Ausbildung der Psyche des Heranwachsenden zunehmend nicht mehr berücksichtigt. "Vergleichen wir es mit dem Lesen lernen. Ständige Wiederholungen lassen eine Nervenzelle automatisch zum Beispiel ein A erkennen", erklärt Dr. Winterhoff. Es sei wie mit dem Tennis spielen lernen. Wolle man es richtig können, brauche man einen Coach, der einen betreut.
Die Coachs seien die Eltern. So erwerbe der Mensch zum Beispiel eine Frustrationstoleranz nur dann, wenn er von klein auf lernt, auch einmal etwas auszuhalten und abzuwarten. Auf Kindesseite müsse die Voraussetzung vorliegen, dass es den Erwachsenen als Autorität anerkennt. "Wir wollen eine Psyche aufbauen und nicht nur das Kind erziehen. Früher erfolgte dies mehr aus der Intuition heraus. Aber sie ist heute verloren gegangen", meint Dr. Winterhoff. "Das Kind muss wieder als Kind gesehen werden und nicht als Partner oder sogar gleichberechtigt. Nur so können sich die Psychefunktionen bilden. Ist ein Kind älter, kommen natürlich Entscheidungsfreiheiten hinzu", betont der 51-Jährige.
Kinder müssen Warten lernen
Das solle aber nicht heißen, das überzogene Strenge notwendig sei. Sinnvoll sei eine altersangemessene Erziehung. "Ein Säugling erfährt, dass sein Hunger sofort gestillt wird. Das ist richtig und wichtig. Erlebt er jedoch ab dem zwölften Lebensmonat nicht auch einmal, dass er warten muss, so verbleibt er in der Vorstellung, immer eine Sofortbefriedigung seiner eigenen Bedürfnisse erfahren zu können", erklärt Dr. Winterhoff.
Je kleiner ein Kind sei, umso mehr sei es auf Struktur, die wiederum Orientierung und Halt gibt, angewiesen. Je älter ein Kind werde, umso mehr käme die Verständnisebene dazu. Die Konsequenz der nicht ausgebildeten Psyche sei eine immer größer werdende Gruppe von Kindern, die psychisch nicht gereift sei.
Die Kinder verblieben in der frühkindlichen Phase und meinten alles steuern und bestimmen zu können. Pädagogische Konzepte versagen nach Dr. Winterhoffs Meinung. "Die Leute müssen endlich wach werden und das Problem erkennen. Man muss Kindern wieder die Voraussetzungen geben, dass sie psychisch reifen können", fordert der Neurologe und Psychologe. "Wenn Eltern ihre Kinder wieder mehr als Kinder sehen, ergänzt durch Frühförderung außerhalb der Familie, wird es der nächsten Generation helfen".
Von Bianca Treffer
http://www.schulministerium.nrw.de/BP/Erziehung/Psychologie/Winterhoff/index.html