Schläge gehören in Frankreich zur Erziehung

Bild von sofo

Vor der Supermarktkasse in Buc westlich von Paris staut sich die Schlange. Ein kleiner Junge büchst seinem Vater aus und greift ins Süssigkeitenregal. «Komm sofort zurück», ruft der entnervte Vater. Das Kind kümmert sich nicht darum und packt einen Schokoriegel aus. Dem Vater platz der Kragen. Er greift sich sein Kind und haut ihm mit kräftigen Schlägen auf den Hintern. Ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Das Kind schreit vor Schmerz und Schreck, die wartenden Einkäufer verziehen keine Miene. Niemand stört sich an der öffentlichen Züchtigung oder gebietet dem Vater Einhalt.

96 Prozent der Kinder werden mit körperlicher Gewalt gezüchtigt

Szenen wie diese gehören in Frankreich zum Alltag. Die «Fessée», wie das Hinternversohlen beim westlichen Nachbarn genannt wird, ist nach wie vor eine allgemein akzeptierte Erziehungsmethode. In einer am Donnerstag von der Organisation Union des Familles en Europe (UFE) veröffentlichten Studie gaben 96 Prozent der befragten Kinder an, schon mindestens ein Mal derart gezüchtigt worden zu sein. 87 Prozent der Eltern räumten ein, eine Tracht Prügel auf den Allerwertesten gehöre zu ihren pädagogischen Praktiken.

«Das ist auch gut so», sagt Isabelle Bourgois vom deutsch-französischen Forschungsinstitut Cirac in Cergy bei Paris. «Die Erziehung bei uns ist nicht so soft wie in Deutschland.» Wegen der hohen Berufstätigkeit der Mütter müssten sich die Kinder schon von klein auf in die Gesellschaft fügen. «Die Kleinen sind keine halben Erwachsenen, denen man alles zu erklären versucht», sagt sie. «Die Kinder werden mit dem Klaps auf den Po gezwungen, die Spielregeln zu akzeptieren.»

Allerdings glauben nur 55 Prozent der befragten Kinder, ihre Eltern hätten pädagogische Motive. Jeder Dritte hat den Eindruck, seine Erziehungsberechtigten würden sich mit den Schlägen schlicht abreagieren - was acht von zehn Müttern und Vätern auch zugeben. Der Erfolg ist erwartungsgemäss zweischneidig: Zwar gehorchen die Kinder oft, um Schläge zu vermeiden, sagt Bourgois. Französische Lehrer und Erzieher warnen trotzdem immer häufiger vor einer alarmierende Zunahme der Gewalt in Schulen und Vorschulen.

Mehrheit gegen Prügelverbot

Staatspräsident Nicolas Sarkozy kündigte im Wahlkampf an, gegen eine grassierende Disziplinlosigkeit vorzugehen. Er machte die 68er für einen moralischen Sittenverfall verantwortlich. An fehlenden «Fessèes» kann es nicht liegen: Pikanter Weise langt die Generation der Studentenbewegung der UFE-Studie zufolge sogar um einen Prozentpunkt häufiger zu als die Nachkriegsgeneration.

Manche Experten sehen die Ergebnisse daher als verheerendes Zeugnis für die französische Gesellschaft. «Prügelstrafen sind sehr schädlich für Kinder, das steht wissenschaftlich ausser Frage», sagt die Kinderärztin Jacqueline Cornet. Gegenüber der Zeitung «Le Figaro» verwies sie auf die enge Korrelation von Schlägen und psychosomatischen Krankheiten. «Wir müssen endlich mit dieser negativen Erziehung aufhören.»

Danach sieht es nicht aus. Anders als in Deutschland und den meisten anderen europäischen Staaten ist die körperliche Züchtigung von Kindern in Frankreich nicht verboten. Sarkozys Regierung plant kein derartiges Gesetz zum Schutz Minderjähriger, und ignoriert damit eine Forderung des Europarates. Öffentlichen Druck gibt es nicht: 53 Prozent der französischen Eltern sind gegen ein Verbot der Schläge. Und sieben von zehn Kindern gaben in der Studie an, bei einer Familiengründung selbst zu dem schmerzhaften Mittel greifen zu wollen. Immerhin ist die Ohrfeige auf dem Rückzug, sie gehört noch zum Repertoire von einem Viertel der Eltern.

http://www.uniondesfamilles.org/

Kommentare

Bild von stella1980
1

Wenn man als Deutsch in Frankreich lebt und Kinder bekommt dann steht man schon vor einem Dilemma wenn man liest wie in Deutschland jegliche Schläge verurteilt werden was in der Tat von der Rede der meisten Franzosen abweicht.

Ich habe mich entschieden dem Vater seine Erziehungsfreiheit zu lassen und weiss dass wenn er es für notwendig empfindet er zu Schlägen greifen wird. Für mich ist das inzwischen eine Strafe wie jede andere ausser dass nicht immer alles intellektualisiert wird.

Wir sind nicht nur Köpfe sondern auch Körper und persönlich kann ich mich an keine Schmerzen erinnern wenn ich als Kind einige Male eine paar hinten drauf bekommen habe.

Für mich ist das Problem nicht der Hintern voll sondern insgessammt Inkompetenz in der Erziehung. Kompetente Eltern können strafen ohne das Kind zu traumatisieren. Inkompetente Eltern werden weder mit noch ohne Schläge ihr Ziel erreichen.

Zu dieser Kompetenz gehört Intelligenz und Instinkt: Wann, wie und wo bestrafen, und ein Kind spürt ob es die Eltern gut mit ihm meinen. Wenn Eltern überzeugt sind von dem was sie tun, erntet das Kind davon. Und Eltern die überzeugt sind und mit Liebe strafen tun das instinktiv richtig.

Diese ganzen Diskussionen über Schläge in der Erziehung sind so lächerlich, vielleicht fehlt uns Deutschen auch ein Wort welches ausdrückt, denn Schläge können viel sein.

Ich denke nicht dass das disziplinieren empfehlenswert ist aber ich glaube dass man den Menschen für die ihre Erziehung Bedeutung hat, es nicht durch Gesetzesregelungen entziehen kann.

Erziehung ist nunmal manchmal schmerzhaft und nicht im Sinne von körperlichen Schmerzen. Man kann es nicht vermeiden sein Kind frustrieren zu müssen, Linien zu ziehen, Verbote auszusprechen.

Für mich persönlich weiss ich, dass ich eine gute Erziehung schaffen muss. Ich weiss auch, destoweniger Schläge sie von ihrem Papa bekommen desto besser habe ich das geschafft.

Ich stehe voll und ganz hinter meinem Mann in Sachen Erziehung und habe auch meine Grenzen aufgezeigt (keine Schläge ins Gesicht=Ohrfeigen, Kinder nicht in der Öffentlichkeit demütigen, Strafen und Konsequenzen müssen klar definiert und angekündigt sein, niemand ausser den Eltern des Kindes darf die Hand erheben, Schläge dürfen nicht systematisch sein, Schläge sind keine Konfliktlösung, Kinder müssen wissen und verstehen warum sie bestraft werden, das Ziel der Strafe (Hinternvoll, aufs Zimmer schicken, Privation) ist das Vergeben, wichtig ist dem Kind zu verstehen zu geben, dass die Eltern es lieben.

Ich denke das viele Kinder, wenn man sie vor die Wahl stellt, als Strafe eine Woche keinen Nachtisch zu bekommen oder den Hintern voll, letzteres wählen würden. Es ist erleichternt wenn der Fehler vergeben ist und nicht lange hinauszieht.

Selbst wurde ich übrigens nicht regelmässig korrigiert aber ich beneide oft diejenigen die im Sinne von Autorität und Regeln erzogen wurden und das Resultat lässt sich meist sehen.

Bild von Anges
2

Ein gut recherchierter Artikel. Dickes Lob

Bild von esther
3

Ich will sicherlich keine körperlichen Misshandlungen von Kindern rechtfertigen. Aber man sollte die Kirche im Dorf lassen. Drei Schläge auf einen bekleideten Kinderpopo sind weder "körperliche Gewalt" noch eine "Tracht Prügel". Wenn das Kind aufschreit, dann wohl vor allem vor Schreck und vielleicht auch, weil es ihm peinlich ist - ebenso wie sein schlechtes Benehmen dem Vater.

Ebenso halte ich es für Unfug, dass derartige Schläge zu psychosomatischen Krankheiten führen können - bei Misshandlungen ist das sicher richtig.

Man sollte aber immer unterscheiden zwischen maßvoller körperlicher Züchtigung und Misshandlungen.

Übrigens: in Frankreich fällt mir auf, dass sich Kinder in der Öffentlichkeit besser benehmen und ihren Eltern besser gehorchen, als es etwa in Deutschland der Fall ist. Dass es dort mehr psychosomatische Erkrankungen gäbe als anderswo habe ich allerdings noch nicht gehört. Maßvolle Strenge scheint mir besser als das heute übliche Laissez-faire.

Bild von Anges
4

Liebe/r esther

Ich bin, wie ich unumwunden zugebe ein wenig falsch auf dieser Seite, da ich mich weder als Europäer fühle, noch Kinder habe. Ich bin nur ein einfacher Schüler in der 10. Klasse.

Bei meiner Recherche über das Schlagen von Kindern in Frankreich, bin ich auf diese Seite gelangt. Der Artikel an sich hat mir sehr gut gefallen. Die Situation in Frankreich ist meiner Meinung nach bedenklich. Wenn das Schlagen von Kindern (Ich mache da keinen Unterschied) von Kindern nicht gesetzlich verboten ist, wird sich der Kreis der Gewalt immer weiter drehen. Denn die Kinder ahmen ihr Eltern nach.

Sie hingegen bemängeln die fehlende Differenzierung zwischen "maßvoller körperlicher Züchtigung" und "Misshandlung"

Das Ergebnis einer maßvollen Züchtigung sei ihrer Meinung nach am besseren Benehmen der französischen Jugend erkennbar. Und solange es dabei bleibe, sei doch alles gut.

Nun frage ich:

  • Wo liegt die Granze denn?
  • Kann man sie ziehen?
  • Und wenn ja, ist es gerechtfertigt, innerhab dieser Granze das Schlagen zu erlauben?

Meine klare Antwort darauf ist: NEIN

Liebe/r esther. Ich möchte dich nicht beleidigen, aber sobald mir jemand begegnet, der die "ein Klaps auf den Po hat noch niemand geschadet" - These vertritt, werde ich unglaublich agressiv. Wer Gewalt gegen Kinder anwendet, gleich welcher Form ist in meinen Augen nicht dazu in der Lage ein Kind zu erziehen. Wenn es nach mir ginge, würde dieser Person sofort das Sorgerecht entzogen werden.

Solange auch nur die geringste Toleranz für Gewalt gegen Kinder in der Bevölkerung vorhanden, sehe ich keine Chancen für die nächste Generation, sich nach den idealen einer modernen Gesellschaft (Toleranz, Friedlichkeit und Vertrauen) zu entwickeln.

"Meiner Meinung nach sollten sie mal ein paar ordentliche Klapse auf den Po erhalten." (zwinker)

Mit freundlichen Grüßen
Anges

Bild von xynnoabsurdicum
5

Die Gewalt an unseren Schulen wird immer dramatischer. Es ist ein Verfall der Disziplin. Ich bin fuer die Wiedereinfuehrung der Pruegelstrafe mit dem Rohrstock Kinder und Jugendliche muessen Grenzen aufgezeigt werden.

In England fordert eine breite Mehrheit das Corpural Punishment. Auch bei uns wird dies von einer breiten Mehrheit getragen. Die Zuechtigung mit dem Rohrstock ist hier gesetzlich verboten. Ein fataler Fehler. Dies koennte durch eine Pedition an die Exekutive geaendert werden.

Kinder Erziehung hat auch etwas mit harter Disziplin zu tun. Die koerpliche Zuechtigung mit dem Rohrstock oder einem Lederriemen ist Bestandteil dessen Hose runter und auf den nackten Hintern mal ein ein paar Schlaege mit dem Rohrstock,ist mein Beitrag zur Disziplinierung an den Schulen und auch im Elternhaus. Dies sollte wieder gelten

Bild von xynnoabsurdicum
6

Kurzer Nachtrag.

Fuer Jugendliche die sinnlos jemanden zusammen schlagen, helfen Sozialstunden ueberhaupt nichts.

Meiner Meinung nach sollte man sie nackt ausziehen und auspeitschen. Erst dann begreifen sie am eigenen Koerper was Schmerzen bedeuten. Eine Peitsche ist das was vielen Jugendlichen fehlt. Genauso wie viele Eltern ihre Kinder mal mit dem Lederriemen oder dem Rohrstock mal erziehen sollten.

Jetzt seid ihr Eltern gefragt auch mal konsequent zu handeln

Bild von sofo
7

Liebe Agnes,

Danke für deinen Beitrag.

Zum Eltern sein gehören Kinder, also bist du hier goldrichtig.
Europa ist heutzutage recht klein geworden zb. binationale Ehen.

Ich wünsch dir Kraft das Richtige zu tun und die Weisheit es vom Falschen zu unterscheiden.

mfg

Bild von sofo
8

Bisher habe ich die Erfahrung gemacht (7 jähriger) es keine Schläge gebraucht hat um mich durchzusetzen.

Mit klaren einfachen Anweisungen die durchgesetzt werden ist es uns bisher gelungen uns zu behaupten.

Wichtig erschien es uns vorher im Klaren zu sein was uns wirklich wichtig ist und ob wir dazu bereit sind es durchzusetzen. Nicht alles muss nach unserem Willen geschenen auch das Kind soll, seinen Kompetenzen entsprechend, Freiräume haben

Dazu ein Beispiel

Zähneputzen:
Als der Junge es nicht mehr machen wollte, musten wir nach vielen verschiedenen Motivationsversuchen und Anreizsystemen, schlussendlich abwechslungsweise rund 2 std vor der Türe sitzen um unsren Willen durchzusetzen (es ging über 3 tage) , ich denke die Ruhe und den gemeinsamen Auftrit in dieser Frage unerbitlich zu sein führte zum Erfolg.

Ordnung:
Hingegen liesen wir den Jungen seine Vorstellungen zur Zimmerordung in seinem "Reich" - jedoch musste er als Konsequentz seiner "Unordnug" sein Zimmer selbst reinigen. Wir konten uns nach einiger Zeit darauf einigen das er einmal pro Woche ein wenig aufräumt und wir, da es uns jetzt leichter fiel, sein Zimmer auch mitzureinigen.

Zum Obigen Beispiel
Ich habe den Einkauf sofort abgebrochen und auch meinen Ärger zum Ausdruck gebracht, natürlich konnte ich dann am Nachmittag nur kurz einen Spielplatzbesuch machen da ich ja noch Einkaufen musste. Mit dem Jungen(damals 6) habe ich eine Abmachung getroffen das er erst wieder mitkommen darf wenn er sich an gewisse Regeln hält. Um seine Kompetenz zu fördern habe ich ihm erlaubt ein Produckt aus einer Pallete frei zu wählen. Nach einigen Versuchen und "Nachjustierungen" hat diese Methode so gut geklapt das er sogar einfachere Einkäufe selbständig erledigen durfte.

Ob Schläge in Zukunft nötig sein werden, wenn der Junge älter wird, ich hoffe es nicht, da es wohl alleine mein Versagen währe nicht angemesen mit der Situation umgehen zu können. Ob Schläge für ein Kind je angemesen sein können , ich kann mir diese Situationen nicht recht Vorstellen.

Ein weiterer Gedanke
Ich stellem mir vor, als Arbeitgeber würde ich wohl bald alleine dastehen wen ich meine Mitarbeiter mit Gewalt erziehen möchte. Oder anders gefragt, wie lange würden wir uns als Erwachsene Gewalt (oder blos einen Klaps) gefallen lassen wenn wir a) unabhängig b) abhängig sind?

Ich wünsche allen eine gute Portion Gelassenheit um die Sekunde zu haben damit, mit viel Kreativität, den Kindern Ursache und Wirkung altersgerecht gezeigt werden kann.

Danke Drupal de en PhpFreeChat Poll | Gönner frambi Buffet | Impressum | Validate XHTML or CSS