Wie verlottert sind unsere Kinder wirklich?

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Alles nicht so schlimm, sagt Professor Klaus Hurrelmann. Und der Mann muss es wissen, denn er ist Deutschlands wichtigster Jugendforscher. "Die Null-Bock-Generation ist Vergangenheit. Werte wie Disziplin und Pflichtbewusstsein haben allen Vorurteilen zum Trotz wieder Bedeutung"

Berliner Illustrirte Zeitung: Herr Professor, wie würden sie die heutige Jugend charakterisieren?

Klaus Hurrelmann: Ach, die Jugend von heute - der Begriff hat negative Schwingungen, den würde ich nicht benutzen. Er klingt abfällig und suggeriert, dass die heutigen Jugendlichen "untauglich" sind, wild und unzuverlässig, dass sie nichts von Erwachsenen annehmen, sich nicht integrieren. Und dass das früher anders war und nur heute so schlimm ist mit den jungen Leuten. Das ist Quatsch, das stimmt nicht.

Wie sind sie denn nun?

Diese Jugend - also Jungen und Mädchen zwischen zwölf und 17, wobei sich der Eintritt in die Pubertät und der Begriff "Jugendlicher" immer weiter nach vorne verschiebt - ist sehr pragmatisch und konstruktiv. Die Mehrzahl will in die Gesellschaft integriert sein, will etwas erreichen. Mädchen wollen Beruf und Familie. Das ist erstaunlich, denn die Rahmenbedingungen, die Lage bei den Ausbildungsplätzen etwa, ist so schlecht, wie lange nicht mehr. Aber die allermeisten Jugendlichen sagen: "Okay, jetzt erst recht! Dann muss ich eben noch mehr leisten!" Das sind 90 Prozent, die das sagen!

Und der Rest?

Die sind gefrustet, erfolglos, unmotiviert, werden aggressiv, gewalttätig, kriminell. Und deshalb fallen uns diese zehn Prozent so extrem auf.

Ist diese Generation die Generation Party?

Auf gar keinen Fall. Die, die nur Party im Kopf haben, das sind vielleicht zehn Prozent. Sie ertragen Druck und Anspannung nicht, betäuben sich mit Alkohol, Musik, Abfeiern.

Allgemein wird beklagt, dass die Jugend keine Werte mehr habe...

Doch, hat sie. Die Null-Bock-Generation ist Vergangenheit. Werte wie Disziplin und Pflichtbewusstsein haben allen Vorurteilen zum Trotz wieder Bedeutung, Die Werte der Großeltern sind wieder da. Die Mehrheit ist ehrgeizig.

Das Konservative ist also wieder vermittelbar?

Ja, wenn's im Elternhaus stimmt. Da orientieren sich die Kinder, da kriegen sie alles vorgelebt. Ist das Elternhaus problematisch, sind die Kinder schlecht dran. Eltern sind Vorbilder - ihre Werte werden abgeguckt und ein bisschen mit eigenen Lebensvorstellungen kombiniert. So wird dann gelebt. Sind die Werte verlottert, leben es die Jugendlichen nach.

Dennoch spielt der Konsum eine immer größere Rolle. Oder täuscht der Eindruck?

In der Tat. Vor allem bei Mode und Elektronik - Sachen, Handy, Computer, MP3-Player Dem zu widerstehen, kostet immense Kraft. Wer souverän und stabil ist, kauft sich das, was er wirklich braucht, was ihm nutzt. Wer substanzlos und labil ist, fällt auf alles rein, muss alles besitzen und auch zeigen. So panzern Jugendliche ihre Unsicherheit ab. Persönlichkeit aber kann man nicht kaufen. Die hat man oder hat man nicht.

Vermissen sie etwas an den Jugendlichen 2007?

Ja. Was mich beunruhigt, ist, dass viele so angepasst sind, nichts Rebellisches in sich haben. Sie hätten allen Grund, zu motzen und zu tausenden auf die Straße zu gehen.

Wer ist wirklich cool?

Jemand, der ein gesundes Selbstbewusstsein hat, Leistung bringt, viel für seine Zukunft tut, in der Schule geschickt ist und seinen Weg geht. Bindungsfähig ist er und hat einen intakten Freundeskreis. Und wenn er sich auch noch sozial und ehrenamtlich engagiert, ist er perfekt. Uncool ist, wer ständig Kosten-Nutzen-Rechnungen aufstellt. Ich denke, 30 bis 40 Prozent der Jugendlichen sind cool. Und das ist eine tolle Zahl!

In den letzten Wochen spielte immer wieder Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen eine Rolle. Warum?

Weil immer mehr Eltern total überfordert sind und sehr, sehr dringend Unterstützung brauchen! Ein Drittel der Eltern ist klasse, ein Drittel wurschtelt sich durch, ein Drittel hat ernsthafte Probleme mit der Erziehung. Die Fälle, die in die Medien kommen, sind nur die Spitze des Eisberges. Es gibt alarmierende Zahlen: 15 Prozent der deutschen Haushalte leben an der Armutsgrenze, die Eltern sind vielleicht arbeitslos, fühlen sich schlecht und nichtsnutzig, viele verfallen dem Alkohol. Etwa 6000 Kinder in Deutschland halte ich für extrem durch die Eltern gefährdet. Gott sei Dank ist die Öffentlichkeit inzwischen sensibilisiert.

Was müsste ihrer Ansicht nach getan werden?

Zu dem gefährdeten Drittel müssen etwa durchs Jugendamt intensivste Kontakte hergestellt werden, ein permanentes Familien-Coaching muss in solchen Fällen her. Das Personal ist sicher an der Belastungsgrenze, das gebe ich zu - aber es ist höchste Zeit, dass die Hilfsdienste neu geschult und mit neuen Beobachtungsprogrammen versorgt werden. Und wir brauchen ein neues Frühwarnsystem durch Gynäkologen und Hebammen, die bei Problemfällen ganz früh Alarm schlagen. Und die ersten Untersuchungen bei Kinderärzten müssen intensiviert und zur strengen Pflicht werden. Dann fällt Vieles früh auf.

Brauchen wir einen Eltern-Führerschein?

Eltern zu sein, dass darf keine Privatsache mehr sein, das geht alle an, die ganze Gesellschaft! Es sollte vor dem Kindergarten oder der Einschulung verbindliche Elternkurse geben. Beispiel: Man muss zu sechs Elternabenden, an denen es Infos und Ratschläge gibt - kommt man nicht, gibt's keinen Platz in der Kita, oder es gibt Kindergeld-Streichungen.

Viele Eltern übertragen die Erziehung dem Fernseher oder dem Computer.

Ja, leider. Weil es simpel und bequem ist. Viele Eltern können nicht Nein sagen, scheuen das Streitgespräch. So was kennen viele Jugendlicher leider gar nicht, weil sie stundenlang plump vor einem Bildschirm hocken.

Gehen Jugendliche überhaupt richtig mit Medien um?

Sie sind die kompetentesten Nutzer etwa von Internet und TV. Sie wissen über den richtigen Einsatz oft besser Bescheid, als ihre Eltern. Darum ist es bei der Medien-Erziehung im Elternhaus so wichtig, dass Vater und Mutter stets nachvollziehen können, was die Kinder eigentlich tun. Sie müssen nicht permanent daneben sitzen, aber ein sicheres Gefühl haben, was ihre Kinder da treiben und wie lange. Man sollte feste Zeiten für die Mediennutzung vereinbaren. Für sehr wichtig halte ich es aber auch, dass Eltern ihre Kids an Printmedien wie Zeitungen und Bücher heranführen. Über das Lesen von Texten entscheidet sich - wie Studien zeigen - die spätere gesamte Leistungsfähigkeit der Kinder!

Ab wann sollen Kinder Nachrichten sehen?

Kindsein ist heute kein Schonraum mehr, auch wenn man das pädagogisch und entwicklungs-psychologisch bedauern muss. Die Kindheit ist sehr, sehr kurz geworden, zugleich sind Kinder allen Impulsen der Medien voll ausgesetzt. Sie abzuschirmen, ist sicher nur kurz oder im Einzelfall möglich oder sinnvoll. Ein Sechsjähriger, der von seiner Mutter regelmäßig entsprechende Hintergrund-Infos erhält, die seiner Auffassungsgabe und Verarbeitungs-Kapazität gerecht werden, nimmt keinen Schaden, sondern trainiert schon früh sein Realitätsbewusstsein.

Wären Sie heute gern Lehrer, oder ist das tatsächlich wie oft beschrieben, ein Albtraum-Beruf?

Ein sehr schwieriger Job! Man sieht's ja an den vielen Krankheiten und Frühpensionierungen. Einer der Gründe sind eben die vielen Elternhäuser, die schlecht oder gar nicht mehr erziehen. Schulen müssen hier quasi einspringen, was sie meist überfordert. Auch ein Problem: das hohe Maß an Aggression und Gewalt. Da muss eine Schulkultur mit klaren Regeln und strengen Sanktionen her. "Benehmen im öffentlichen Raum" sollte auf den Unterrichtsplan, da haben viele Jugendliche ein Defizit. Einige Schulen machen gute Erfahrungen mit einheitlicher Kleidung, also Schuluniformen.

Was hat die Pisa-Studie eigentlich gebracht?

Die internationalen Vergleiche waren fürs deutsche Schulsystem und die pädagogische Diskussion hierzulande sehr nützlich. Zum ersten Mal haben wir uns systematischen Leistungsvergleichen gestellt. Aber: Leistungs-Standards und berechenbare Beurteilungen sind das eine, Einüben von Zeiteinteilung und Disziplin das andere. Darum ist es wichtig, die beiden Bereiche fachliches Lernen und soziales Lernen miteinander zu verbinden. Das dürfte in Ganztagsschulen wesentlich besser gelingen, als in den traditionellen Halbtagsschulen.

Welche Rolle spielt die Sexualität?

Wissen Sie, schon 14-jährige Mädchen sind heute in vielerlei Hinsicht junge Frauen. Sie haben das Recht, sich entsprechend zu kleiden und in der Öffentlichkeit zu bewegen. Sie können nicht dafür verantwortlich gemacht werden, dass über Medien und Werbung eine starke sexuelle Aufreizung betrieben wird, die Frauen häufig zum reinen Objekt der Begierde degradiert. Umso wichtiger ist es, dieses Thema in Elternhaus und Schule offen anzusprechen und zu diskutieren, auf Vor- und Nachteile hinzuweisen.

Wer und ab wann sollte Kinder aufklären?

Idealerweise immer noch die Eltern - und zwar so früh wie möglich. Heißt: wenn Kinder erste Fragen stellen. Leider tun sich die meisten Eltern sehr schwer damit. Darum kommt den Schulen, manchmal sogar Grundschule oder gar Kindergarten, eine ungewöhnlich wichtige Rolle zu. Medien und Werbung sind überfrachtet mit sexuellen Botschaften, schon die Kleinen nehmen Filme, Musikvideos, Plakate oder Werbespots wahr.

Aus denen oft ihre Idole hervorgehen.

Wobei die aktuelle Shell-Studie zeigt, dass die Mutter - und mit einigem Abstand der Vater - die eigentlichen Vorbilder sind. In der Pubertät kommen noch andere dazu. Es gehört zur frühen Jugend dazu, der Glitzerwelt von Sport und Show auf den Leim zu gehen. Das ist eine gesunde Übergangsphase. Aber langfristig spielen für die meisten Jugendlichen nur Idole eine Rolle, die ein nachvollziehbares und authentisches Leben führen. Und der Bedarf an solchen Idolen ist heute sehr groß, weil die Jugend in den Medien erschreckend vielen künstlichen Idolen begegnet, die sich rasch in ihre medial künstlich hergestellten Bestandteile auflösen.

Gerade las man von der dicksten Jugend, die wir je hatten.

Ihr Verhalten spiegelt das Verhalten der Eltern wieder. In vielen Elternhäusern gibt es keinen Tages-Rhythmus, keine selbst zubereiteten, festen Mahlzeiten, die im Familienkreis eingenommen werden. Vieles passiert zwischen hektisch zwischen Tür und Angel, auch kochen und essen. Das gleiche gilt für Bewegung und Entspannung. Unsere Studien an der Uni Bielefeld zeigen, dass Mädchen besser auf gute Ernährung, ausreichend Sport und gutes Entspannen setzen, als Jungen. Junge Frauen gehen sensibler mit ihrem Körper um.

Mit einigen Abstrichen haben Sie ein positives Bild der Jugend gezeichnet...

Mag sein, dass Sie das erstaunt. Aber ein Großteil dieser Jugend ist wirklich total okay, ein verschwindend kleiner Teil bringt sie in Verruf. Ich bin sehr optimistisch, was die Zukunft dieser Generation angeht - bei den jetzt 15- bis 20-Jährigen wird's noch mal ein bisschen eng, aber die jetzt 12-Jährigen haben beste Chancen. Schließlich gibt's 2013 vermutlich absolut keinen Lehrstellenmangel mehr. Nein, um diese Jugend ist mir nicht bange, die kommt durch...

Das Gespräch führte Michael Santen

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